Informationen zum christlichen Glauben
Auf dieser Seite finden Sie Informationen rund um den christlichen Glauben. Sie wurden von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden der Lätare-Gemeinde verfaßt und ursprünglich im Gemeindebrief "Evangelisch in Neuperlach" veröffentlicht.
Folgende Themen gibt es bisher (bitte klicken Sie auf das gewünschte Thema)
Abendmahl und Ökumene
Der Tempelberg, der uralte heilige Bezirk im Herzen Jerusalems, ist umkämpft und umstritten, Zankapfel zwischen Juden und Moslems. Je näher man dem Zentrum einer Religion kommt, desto leidenschaftlicher werden die Auseinandersetzungen. So auch beim Abendmahl. Beim Namen beginnen die Differenzen: Abendmahl oder Eucharistie oder Herrenmahl? Wer darf teilnehmen? Alle Getauften oder nur wer konfirmiert ist? Wie? Nur die Hostie oder Brot und Wein? Wein oder auch Traubensaft? Was ist mit den Resten der heiligen Mahlzeit, wie damit umgehen? Noch diesseits aller theologischen Debatten wimmelt es von Gewohnheiten und Empfindlichkeiten: Der eine fühlt sich verletzt durch die unterschiedliche Praxis des anderen. Theologische Klarstellungen ändern nicht einfach die religiösen Gefühle, die sich mit eingespielten Ritualen verbinden.
Eine Folgerung daraus: Respektiere die Abendmahlsgewohnheiten der anderen Kirche, lerne sie kennen, versuche, sie zu verstehen, sprich mit dem Mitchristen der anderen christlichen Konfession. Dränge ihm deine eigene Abendmahlstradition nicht auf. Setze ihn auch nicht unter Druck, gemeinsam mit anderen Christen Abendmahl zu feiern, wenn er es nicht kann.
Ein langer Streit geht darum, ob wir erst dann zusammen Abendmahl feiern können, wenn sich die Kirchen vereinigt haben, oder ob es nicht schon jetzt möglich ist, weil das Abendmahl selber die Einheit bewirkt, also ein Motor für die Verständigung sein kann und muß. Ich selber finde die Praxis der lutherischen Kirche in Deutschland gut, bei Abendmahlsfeiern alle Getauften zur Mitfeier einzuladen: Eine Einladung akzeptiert die Freiheit und das Gewissen des anderen.
Es wäre gut, wenn alle Christen mehr betonen würden, daß die Bedeutung und die Wirkung des Abendmahls tiefer liegt als die unterschiedlichen Erklärungen, so wie ja auch ein gemeinsames Essen unter Freunden mehr ist als die Worte, mit denen ich es beschreibe. Der eine redet von der Gegenwart Christi beim Abendmahl, der andere davon, daß er mit dem Geist Christi getränkt wird, der dritte von der Eingliederung in den Leib Christi, aber das sind nur die Worte darüber. In der Tat essen wir Brot und trinken wir Wein, und es ist ein Mysterium des Glaubens, daß darin Gott selber uns nährt und unsere Speise wird.
Pfarrer Michael Göpfert (aus: Evangelisch in Neuperlach, Sommer 2001)
Advent und Weihnachten
Advent, Advent ein Lichtlein brennt ... Es geht auf Weihnachten
zu und Advent ist die Zeit der Vorbereitung auf die Ankunft des
Herrn, so haben wir es gelernt. Doch auch der Winter kündigt
sich an. Brachzeit, Ruhezeit der Natur. Alles scheint sich
zurückzuziehen ins Verborgene, dorthin, wo Neues entsteht
und wo selbst der kürzeste Tag um Mitternacht beginnt.
In dieser dunklen Jahreszeit feiern wir den Advent mit Kerzen,
Adventskranz, Adventskalender und Adventsliedern. Ein Brauchtum
aus dem 19. Jahrhundert, erstmals praktiziert von Pfarrer Johann
Hinrich Wichern in Hamburg, der auf diese Weise mit seinen Kindern
von der Straße im "Rauhen Haus" Advent feierte.
Die Adventszeit galt als Fastenzeit, die 40 Tage dauerte und von
Martini am 11. Nov. bis zum Christfest ging. Die sich
anschließende Festzeit endet mit den Epiphanias-Sonntagen
(Epiphanias = Erscheinung des Herrn). Fasten- und Festzeit,
einschließlich der Wintersonnenwende bilden den
Weihnachtskreis des Kirchenjahres, dessen Beginn wir am 1. Advent
feiern. Seit 1959 wird am 1. Advent die Sammlung Brot für
die Welt begonnen. Eine weltweite Aktion, die an die Weitergabe
der Liebe Gottes durch entsprechendes Handeln erinnern soll.
In katholischer Nachbarschaft gedenken wir vielleicht am 4. Dez.
der Heiligen Barbara und schmücken unseren Eingang mit frisch
geschnittenen Kirschzweigen, die dann Barbarazweige heißen
und am Christfest blühen sollen. Zwei Tage später am
6. Dez. kommt der Heilige Nikolaus, ehemals
kinderfreundlicher Bischof in Myra und mittlerweile verkommen zum
Geschenkeonkel, von der Coca-Cola-Werbung in ein rot-weißes
Gewand gesteckt. Am 13. Dez. feiern die Schweden mit ihrem
Luzia-Fest (Lux/Lucis=Licht) wohl mehr die Sonnenwende als die
gleichnamige Märtyrerin, aus der in Italien die
Volksheldin Santa Lucia wurde.
Dann endlich kommt die stille, heilige Nacht mit Krippenspiel,
Christbaum und Christmette. Die mittlerweile dazugehörige
Bescherung soll Martin Luther eingeführt haben, der damit
den Nikolaus entlasten wollte. Die Christnacht
beschließt die Fastenzeit und eröffnet den Festteil
des Weihnachtskreises mit den Feiertagen.
Wieder mitten in der Nacht erwarten wir das neue Jahr.
Der Name Sylvester erinnert uns dabei an den Todestag eines
gleichnamigen Papstes. In den folgenden Raunächten, wohl
richtiger Rauchnächten, hat man mit Weihrauch die bösen
Geister aus Haus und Stall vertrieben. Dann werden
wir von den Sternsingern besucht, die als Heilige Drei Könige
für die Mission sammeln und mit Kreide ihr CMB
(Christus Mansionem Benedicat, Christus segne dieses Haus),
einschließlich der neuen Jahreszahl hinterlassen.
Das Epiphaniasfest am 6. Jan. mit seinen dazugehörigen Sonntagen
reicht bis zum Beginn der Fastenzeit / Passionszeit des
Osterkreises im Kirchenjahr, zu dem auch eine Festzeit mit Ostern
und Pfingsten gehört. Wie das Sonnenjahr den Weihnachtskreis
bestimmt: Sonnenwende 21. / 22. Dez., so der Mondwechsel den
Osterkreis. Die frühe Kirche hat auf diese Weise die schon
vorhandenen Feste, die sich nach den Gestirnen richteten,
übernommen und ihnen einen biblischen Sinn gegeben.
Diakon i.R. Horst Brüsch
(aus: Evangelisch in Neuperlach Winter 2002)
Beerdigung und Trauer
Der christliche Glaube mit seinen Worten und Riten ist vor allem
gefragt bei den großen Übergängen des Lebens:
der Geburt, der Pubertät, dem Eintritt in die Ehe und beim
Sterben.
Die Beerdigung gestaltet den Übergang des Verstorbenen vom
Reich der Lebenden in das Reich der Toten. Ich blicke noch einmal
zurück auf die gemeinsame Geschichte mit dem Verstorbenen,
ich nehme sein Leben als Ganzes in den Blick, ich würdige es,
ich gedenke seiner Taufe, in der er zur bleibenden Gemeinschaft mit
Gott bestimmt ist.
Die Aussegnung und der Erdwurf am Grab machen dem Hinterbliebenen
deutlich, dass der Verstorbene tot ist, sie kennzeichnen, auch
öffentlich, den Beginn der Trauerzeit, in welcher der Tod
akzeptiert werden muss, Schuld- und Angstgefühle
durchgearbeitet werden, der Verlust und der Schmerz der
Trennung verarbeitet werden müssen.
Das Beerdigungsritual, der Abschied am Sarg erleichtern den Beginn
der sogenannten Trauerarbeit, weil all diese Worte und Gesten und
Handlungen inmitten des Chaos der Gefühle Orientierung und
Halt bieten.
Die christliche Beerdigung ist aber nicht nur ein Rückblick
auf das Leben des Verstorbenen. Durch das betende und segnende
Handeln der Kirche wird der Tote vielmehr auch zugerüstet
und begleitet auf seinem Weg ins Jenseits,
seiner "Himmelsreise".
Die Worte des Evangeliums geben der Hoffnung Ausdruck, dass Gott
den Verstorbenen aufnehmen möge in seine himmlischen Wohnungen.
Im Glauben haben wir mit den Toten nicht nur eine gemeinsame
Vergangenheit, sonder auch eine gemeinsame Zukunft bei Gott.
Unsere eigentliche Heimat ist das himmlische Jerusalem, sagt die
Bibel. Das Leben der Verstorbenen verrinnt nicht einfach
in ein leeres Nichts, alles, was sie in Liebe gewirkt haben, bleibt
aufbewahrt und erhalten im ewigen Leben Gottes selber.
Der Christ kann den oft langen und schmerzlichen Weg der
Trauerarbeit getrost in Angriff nehmen, weil er glaubt und hofft,
dass die Trauer so wie auch der Tod nicht das letzte Wort haben
müssen.
Johann Franck hat es 1653 in seinem Lied so ausgedrückt:
"Weicht ihr Trauergeister / denn mein Freudenmeister / Jesus
tritt herein / denen die Gott lieben / muss auch ihr
Betrübten / lauter Freude sein." Die Auferstehungskraft
Christi bricht die Macht der Trauer und ermöglicht es,
dem Trauernden zu einem neuen Selbst- und Weltverständnis
durchzubrechen. Freude, das ist das Ziel der Wege Gottes mit
dem Menschen.
Pfarrer Michael Göpfert
(aus: Evangelisch in Neuperlach - Herbst 2004)
Credo
Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen... So beten
und bekennen wir unseren Glauben im Gottesdienst als Antwort auf
Gottes befreiendes Wort. Das in den evangelischen Kirchen vorrangig
gebräuchliche Apostolische Glaubensbekenntnis ist schon sehr
alt und eint uns insbesondere mit der römisch-katholischen,
der altkatholischen Kirche und den anglikanischen Kirchen.
In seinem Kern geht das "Apostolikum", so informiert uns
übrigens auch ein kleiner Einführungstext im
Evangelischen Gesangbuch (EG 903), auf das Taufbekenntnis in den
ersten Jahrhunderten des Christentums zurück. Dem
Täufling wurden vor dem Taufakt Tauffragen gestellt, auf die
mit formelhaften Glaubensaussagen geantwortet wurde, die sich im
Laufe des dritten Jahrhunderts zum "Symbolum Romanum" verdichteten,
dem Vorläufer des Apostolischen Glaubensbekenntnisses.
Erstmals wird das Apostolikum in einem Brief der Synode von Mailand
an Papst Syricus (384-399) genannt. Der Legende nach soll es direkt
auf die Apostel zurückgehen, was historisch zwar falsch ist,
aber die hohe Bedeutung dieses Bekenntnisses hervorhebt.
Unter dem Einfluss der karolingischen Kirchenpolitik wurde das
Apostolikum in die römische Liturgie aufgenommen und setzte
sich so im abendländischen Christentum durch.
In den Kirchen des Osten, der Orthodoxie, hat sich das Apostolikum
nicht durchgesetzt. Dort wird das Nizänische Glaubensbekenntnis
(entstanden 381) gesprochen, um das im Mittelalter zwischen
Ost- und Westkirchen ein heftiger Streit entbrannte. Die damalige
Streifrage war: Geht der Heilige Geist nur aus dem Vater
(so die Ostkirchen) oder auch aus dem Sohn (so die Westkirchen)
hervor?
Die Reformatoren bekannten sich klar zum Apostolischen
Glaubensbekenntnis. So lobte Martin Luther, dass das Apostolikum
"kurz und richtig die Artikel des Glaubens gar rein fasset "
und erläuterte es im Kleinen und Großen Katechismus.
Das Apostolikum hat in der katholischen und evangelischen Kirche
denselben Wortlaut mit einem einzigen kleinen Unterschied im
dritten Glaubensartikel: "Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche...," so bei uns. Bei den Katholiken
heißt es "die heilige katholische Kirche" - katholisch, im
ursprünglichen Sinne: "den ganzen Erdkreis betreffend.
Pfarrer Sebastian Kühnen (aus: Evangelisch in Neuperlach Frühjahr 2006)
Das Bilderverbot
Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden,
noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der Herr, bin ein eifernder Gott,
der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist
an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.“
In diesen Worten ist das alttestamentliche Bilderverbot in den Zehn Geboten (2. Mose 20, 4-6) formuliert, das in gleicher Weise für
Judentum und Christentum gilt. Auch der Islam kennt solch ein Bilderverbot. Darin sind sich die drei großen monotheistischen Schriftreligionen einig.
Freilich wurde und wird in Geschichte und Gegenwart der drei Religionen das Bilderverbot in unterschiedlicher Strenge befolgt.
Während es im Judentum und im Islam trotz vergangener kontroverser Strömungen gegenwärtig strikt befolgt wird, ist die Handhabe im Christentum unterschiedlich.
Die Diskussion um Bilder und Bilderverehrung begann im Christentum schon in der alten Kirche und lässt sich als Wechselspiel von freudiger Bilderbejahung und strikter
Ablehnung beschreiben. Das 7. Ökumenische Konzil in Nicäa (787 n. Chr.) versuchte den Streit durch die Unterscheidung von verbotener Anbetung und erlaubter
Verehrung von Bildern zu entschärfen und zu schlichten.
Auch in den reformatorischen Kirchen wurde um die Bilderverehrung gerungen. Während in der Schweizer Reformation (Zwingli, Calvin) und im sogenannten linken Flügel
der Reformation (Karlstadt) das Bilderverbot durch einen Bildersturm radikal durchgesetzt werden sollte, nahm Martin Luther eine differenzierte Haltung ein.
Um eine Eskalation der Gewalt im Bildersturm in Wittenberg zu verhindern, verließ Luther die sichere Wartburg und hielt mit seinen berühmten Invokavit-Predigten
den Bildersturm auf. Bei prinzipieller Ablehnung der Bilderverehrung rechtfertigte er dennoch Bilder zu pädagogischem Gebrauch.
So sind Bilder in den lutherischen Kirchen deutlich seltener zu finden als in katholischen Kirchen. In reformierten Kirchen hingegen findet man bis heute kein einziges Bild.
Pfarrer Sebastian Kühnen (aus: Evangelisch in Neuperlach Sommer 2006)
Das Jahr der Bibel
2003 ist das "Jahr der Bibel". Alle christlichen Kirchen,
Verbände und Werke in Deutschland tragen dieses Motto mit.
Etwa ein Drittel aller Kirchengemeinden bietet eine Veranstaltung
an: Vorträge und Ausstellungen, bis hin zum Garten mit
biblischen Pflanzen und Fahrradtouren. Die Post druckt eine
Sonderbriefmarke und selbst die "Bild"-Zeitung veröffentlicht
die liebsten Bibelverse von Prominenten.
Was macht die Bibel so faszinierend und bedeutend, dass ihr 365
Tage gewidmet werden?
In der Bibel erzählen Menschen von ihren Begegnungen mit Gott.
Sie haben Familiengeschichten, die Worte der Propheten, die
Bergpredigt und vieles mehr aufgeschrieben, um zu bezeugen, wie sie
von Gott berührt wurden. Viele Geschichten ergreifen noch
heute und manches Wort spricht mir aus der Seele.
Und die Bibel spricht in die Seele. Sie ist mehr als ein Buch,
in dem jeder heute nachlesen kann, was Menschen damals glaubten.
Die Bibel wird zum Wort Gottes. Früher stellte man sich die
biblischen Schriftsteller als Sekretäre vor. Alte Bilder
zeigen es: der Heilige Geist als Taube diktiert den Evangelisten
wörtlich, was sie niederschreiben sollen, damit Gott der wahre
Autor bleibt. Seit der Aufklärung bekommen viele Menschen
Schwierigkeiten mit dieser Vorstellung. Bibelwissenschaftler haben
gezeigt, dass die Verfasser des Alten und des Neuen Testaments
geprägt sind durch die Kultur, das Wissen und Denken ihrer
Zeit. Die Bibel ist von der ersten bis zur letzten Zeile
Menschenwort und dennoch wird sie zum Wort Gottes. Mit
diesen "alten Geschichten" berührt und verändert Gott
immer wieder Menschen. Bibelworte trösten und schenken neue
Kraft, sie hinterfragen und befreien zu neuen Wegen.
Die Aktionen rund um das "Jahr der Bibel" wollen Lust machen auf
das Buch der Bücher. Sie laden ein, (wieder) Geschmack zu
finden an einem Stück Weltliteratur und auf verschiedenen
Wegen von der Nähe Gottes zu den Menschen zu lesen und zu
hören.
Vikarin Christiane Doering
(aus: Evangelisch in Neuperlach Sommer 2003)
Diakonie
Das Rauhe Haus in Hamburg ist ziemlich berühmt geworden weit
über die Stadtgrenzen hinaus. Bis heute ist es eine
Institution. Der Theologe und Sozialpädagoge Johann Hinrich
Wichern (1808-1881) ist der Begründer dieser Anstalt zur
"Rettung verwahrloster und schwer erziehbarer Kinder." Im November
1833 begann Wichern mit drei Jungen in einer engen Kate zu arbeiten
und es wurden immer mehr. Sie lebten in familienähnlichen
Verhältnissen zusammen, erhielten schulische Bildung und in
den anstaltseigenen Werkstätten eine handwerkliche Ausbildung.
Die geistige Mitte seiner Arbeit bildete die christliche Botschaft
vom "Evangelium der Liebe," das er - inspiriert von der
hamburgischen Erweckungsbewegung - seinen Schützlingen
mit auf den Weg gab.
Die Arbeit im Rauhen Haus weitete sich aus und führte nicht
zuletzt zur Gründung des »Central-ausschusses für die Innere
Mission der Deutschen Evangelischen Kirche« (1849) - einer Urzelle
der Diakonie in der evangelischen Kirche in Deutschland.
In Bayern ist der "Urvater" der Diakonie Johann Konrad Wilhelm
Löhe (1808-1872), der 1849 in Neuendettelsau eine streng
pietistisch ausgerichtete "Gesellschaft für Innere Mission im Sinne
der lutherischen Kirche" gründete und 1854 eine
Diakonissenanstalt eröffnete. Damit legte er den Grundstein
für die heutige weit verzweigte Diakonie Neuendettelsau.
Durch Einrichtungen dieser Art wuchs im Raum der evangelischen
Kirche zunehmend die Einsicht, dass christlicher Glaube die
tätige Nächstenliebe braucht. Die Diakonie
(griech. "diakonia" = Dienst) als tätiger Liebesdienst
wurde zur dritten Säule der Kirche neben Bekenntnis und
Verkündigung (griech. "martyria") und lebendiger Gemeinschaft
des Glaubens (griech. "koinonia").
Die Diakonischen Werke der Gliedkirchen in der EKD unterhalten
vielfältige Einrichtungen für Menschen in Not.
Unzählige Beratungsstellen für Menschen in den
unterschiedlichsten Krisensituationen, Heime für Obdachlose,
Wohngemeinschaften für Behinderte, Krankenhäuser,
Kindertagesstätten und viele andere Einrichtungen. Menschen
wenden sich in der Nachfolge Jesu Anderen zu, die Hilfe brauchen,
und machen so Ernst mit der Aussage Jesu: "Was ihr getan habt
diesen meinen geringsten Schwestern und Brüdern, das habt ihr
mir getan" (Matthäus 25, 40).
Pfarrer Sebastian Kühnen (aus: Evangelisch in Neuperlach Frühjahr 2005)
Die Taufe im Gemeindegottesdienst
Es ist nicht immer ganz einfach, Taufeltern und Paten zu
vermitteln, warum wir in Neuperlach seit längerem nur am
Sonntag taufen.
Dazu ist folgendes zu sagen: Die Taufe ist ein Ereignis, über
das sich die ganze Gemeinde mitfreuen sollte. Gott sei Dank, wieder
ein Kind getauft! Aufgenommen in die Kirche, eingepfropft in den
alten Ölbaum des Gottesvolkes, wie Paulus es bildlich im
Römerbrief ausdrückt.
Wir taufen im Hauptgottesdienst, weil die Taufe nicht einfach nur
eine schöne Familienfeier ist, die von der Kirche
religiös umrahmt wird. Sie ist auch nicht nur eine
Kindersegnung nach der Geburt. Nein, die Taufe muss
radikaler verstanden werden. Sie ist nicht wiederholbar, sondern
der einmalige Akt, in welchem der Mensch hineingestellt wird
in die Geschichte des auserwählten Gottesvolkes von Abraham
angefangen über Mose und die Propheten bis hin zu Christus
und den von ihm ausgesandten Jüngerinnen und Jüngern.
In der Taufe vollzieht sich am einzelnen Täufling, was das
Gottesvolk in seiner Geschichte durchgemacht hat: der Auszug aus
dem Land, wo das Volk in Finsternis und Knechtschaft vegetiert,
der Einzug in das verheißene Land des Friedens und der
Gerechtigkeit, wo am Ende der Tod nicht mehr sein wird.
Daher ist das Taufwasser kein harmloses Erfrischungswässerchen,
sondern ein Sinnbild für die gefährlichen Wasser des
Roten Meeres und des Jordan, die das Volk beim Aus- und Einzug
zu verschlingen drohten.
Darum tauchte man in der alten Taufpraxis den Täufling ganz
in das Wasser und zog ihn wieder heraus: als Zeichen für das
Ausgeliefertsein an den Tod und die Rettung aus allen Untiefen
des Todes.
Die Taufe ist ein Rettungsvorgang. Für den Getauften wird es
Ostern! Darum der Gottesdienst am Sonntagmorgen, weil in ihm das
Osterereignis vergegenwärtigt wird. Den Sonntag feiern,
aufgrund der Taufe gewiss sein, dass wir selber zu einer neuen
Kreatur berufen und bestimmt sind und entsprechend dieser Berufung
leben dürfen und können und sollen.
Das ist der Grund, dass der Reformator Martin Luther immer, wenn er
zu versinken drohte in Angst und Ungewissheit, sich selber sagte:
Ich bin getauft!
Pfarrer Michael Göpfert (aus: Evangelisch in Neuperlach Herbst 2003)
Ehe
Die Rituale sind das beste Gedächtnis einer Religion von den heiligen Sachen. Und die Ehe ist eine heilige Sache. Das Trauungsritual der Lutheraner von 1964 nennt die Ehe eine "heilige und unverbrüchliche Ordnung Gottes". Und Martin Luther, der selber ostentativ mitten im Bauernkrieg heiratet, nennt sie ein "göttlich edles Geschäft". Warum? Gegen alle Verteufelung von Leib und Sinnlichkeit ist nicht erst in der Ehe, sondern schon im Sexualtrieb Gottes Kraft am Werk. Weil der Teufel Gottes Lebenskraft fürchtet, haßt er die Ehe. Für Luther ist Gott in der Anziehungskraft zwischen Mann und Frau so lebensvoll gegenwärtig, daß er den Bund zwischen Mann und Frau stiftet. Das Schriftfundament für seine Auffassung findet Luther in 1. Mose 2, Vers 18: "Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Ich will ihm ein Gehülfen, die um ihn sei, machen."
Die Ehe ist also heilig, weil sie Auswirkung von Gottes Wort und Werk ist. Die Liebe zweier Menschen ist tatsächlich, wie eine Operettenarie es besingt, eine Himmelsmacht. In der Liebe und Treue der Ehepartner kommt nichts weniger als die Beziehung des Schöpfers zu seiner Schöpfung zur Darstellung.
Kein Widerspruch zu dieser grandiosen Auffassung von der Heiligkeit der Ehe ist es, wenn Luther in der Schrift "Von Ehesachen" 1530 die Ehe "ein äußerlich, weltlich Ding" nennt. Damit will er gerade ihre Eigenstänigkeit als Schöpfungsgabe unterstreichen, die es verbietet, daß sich kirchliche Obrigkeiten ständig einmischen. Ein "weltlich Ding" ist die Ehe auch, weil ja nicht das Christentum die Ehe geschaffen hat, sondern die konkrete Ausgestaltung der Ehe großen geschichtlichen Veränderungen unterworfen war und ist. Die Ehe der biblischen Patriarchen war anders als die Ehe in einer Haushaltsfamilie der vorindustriellen Zeit. Die heutige, partnerschaftliche Ehe wiederum ist abgestellt auf Freude, Partnerschaft, Verantwortung, Vergebungsbereitschaft, Vertrauen, Treue, Freiheit ... In dieser Hinsicht - so eine Aussage des Kirchenrats des Kantons Zürich - zeigen sich keine wesentlichen Unterschiede zwischen Ehe und nichtehelichen Lebensgemeinschaften. In beiden können diese Werte eine Rolle spielen, in beiden können sie fehlen.
So sehr die Kirche die öffentliche Bedeutung der auf Dauer angelegten Paarbeziehung unterstreicht und schützt und so sehr das Grundgesetz in Artikel 6 den Schutz von Ehe und Familie garantiert, so wenig sollte ich damit aber ausschließen, daß eine verantwortliche und humane Paarbeziehung auch außerhalb des überlieferten Ehemodells stattfinden kann.
Die Liebe, die der Gott der Liebe seiner Schöpfung eingestiftet hat, ist "stark wie der Tod", so das Hohelied. Auch wenn Menschen an der Liebe zerbrechen oder scheitern, die Hoffnung auf die Unzerstörbarkeit der Liebe bleibt.
Pfarrer Michael Göpfert (aus: Evangelisch in Neuperlach, Herbst 2001)
Unter Gemeinde A-Z finden Sie praktische Hinweise, was bei einer kirchlichen Trauung zu beachten ist. Weitere Informationen zur christlichen Trauung gibt es außerdem auf einer Info-Seite der bayerischen Landeskirche.
Ein Mahl über Grenzen hinweg
Jesus zieht durchs Land mit den Seinen. Er spricht mit
unzähligen Menschen. Hört erst zu. Hört ihr Leid,
hört ihre Sehnsucht. Rührt heilsam an. Stärkt
und richtet auf.
Dann erzählt er. Erzählt von einer Welt, in der Liebe
und Gerechtigkeit wohnen. Erzählt von Gott, den er
unbändig liebt, und er ihn und uns alle. Leidenschaftlich
spricht er und klar. Eckt oft an. Streitet auch. Nimmt die
Ehebrecherin in Schutz und Maria Magdalena, die ihn mit teurem
Öl salbt. Hält Tischgemeinschaft mit zwielichtigen
Gestalten, mit Zachäus zum Beispiel und wie sie alle
heißen. Lässt sich nicht davon abhalten, auch nicht,
wenn man mit Fingern auf ihn zeigt.
Dann weist er seine aufgeplusterten Jünger in die Schranken,
als sie Kinder abweisen wollen. "Lasst die Kinder zu mir kommen",
sagt er, "denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes."
Er umarmt sie. Legt die Hände auf, segnet sie. Sie
gehören dazu. Unbedingt, ohne Wenn und Aber.
Er gibt sein Leben hin und steht wieder auf, damit wir ermutigt
und in Hoffnung leben können. Er teilt mit allen, die seine
Nähe suchen, Brot und Wein in Erinnerung an die Befreiung
seines Volkes aus der Knechtschaft. Wird selbst zum Opfer der
Mächtigen, weil er sich und Gott treu bleibt, weil er
sich nicht beugen lässt und nicht wegläuft, wenn¹s drauf
ankommt.
Brecht das Brot, teilt den Wein auch weiterhin zu meinem
Gedächtnis, zur Befreiung und Versöhnung über
Grenzen hinweg, zur Aufrichtung Gebeugter und
zur Stärkung in Gemeinschaft, sagt er.
Immer schon war Jesu Mahl eine Grenzüberschreitung, weil an
seinem Tisch alle sitzen, die sich von ihm einladen lassen, nicht
nur die, die von den Oberen oder wem auch immer
für würdig befunden werden.
Deswegen laden wir Protestanten zum Abendmahl offen ein über
manche von uns Menschen in der Geschichte errichteten Mauern
hinweg. In unseren Gemeinden lernen wir auch mehr und mehr, dass
es der Botschaft Jesu nicht entspricht, Kinder vom
Abendmahl auszuschließen. Das Mahl ist keine elitäre Runde,
auch kein Initiationsritus zur Aufnahme in den Kreis der
"Wissenden" und "Auserwählten". Das Mahl ist und bleibt eine
Grenzüberschreitung. Manchen, die sich abschotten wollen,
auch zum Ärgernis. Das Mahl will frei machen und
versöhnen. Es will stärken und Gemeinschaft stiften
über Grenzen hinweg. Es ist und bleibt ein Mahl für
alle, die Jesu Einladung annehmen.
Pfarrer Sebastian Kühnen(aus: Evangelisch in Neuperlach - Winter 2003)
Evangelische Kirchenräume
Die Kirche. Ein Zufluchtsort. Ein Ort des Schutzes und der
Geborgenheit. Ein Ort der Stille und des Gebetes. Ein Ort der
Befreiung und der Hoffnung. Ein Ort der Verkündigung und
der Begegnung: mit sich selbst, mit anderen, mit Gott.
Ein heiliger Ort?
In der evangelischen Kirche gibt es eine lang währende
Zurückhaltung, den Kirchenraum als heiligen Ort zu sehen.
Meist sehen wir ihn ziemlich nüchtern und eher profan.
Manchmal viel zu profan. "Gottesdienst im Alltag" so könnte
man das Leitmotiv bezeichnen, nach dem seit dem Zweiten Weltkrieg
evangelische Kirchen gebaut wurden. Dieses Konzept können
wir auch in Neuperlach beobachten. Anfang der 70er Jahre, als die
Lätare-Kirche gebaut wurde, sollten die Kirchen an Orte des
Alltags erinnern. Sie hoben sich wenig von der Architektur
weltlicher Gebäude ab. Manchmal baute man sie sogar bewusst
wie Werk- oder Turnhallen, die ihren kirchlichen Charakter nur
durch das Kreuz über dem Altar erhielten.
Ende der 70er Jahre ging der Wandel noch weiter. Ein neues
Gemeindeverständnis zeigte sich: Die "Multifunktionskirche"
hielt Einzug in den evangelischen Kirchenbau.
Das Leben sollte in seiner Fülle in die Kirche geholt werden.
Neben dem Gottesdienst sollten nunmehr vielfältige
Gesprächskreise und Initiativgruppen das Gemeindeleben
bereichern. Kirchenraum und Gemeinderäume wurden miteinander
verbunden, ja geradezu miteinander verschmolzen. Lediglich
Faltwände ermöglichten eine zeitweilige Abgrenzung des
Sakralraumes.
In den 90er Jahren schlug das Pendel gegenläufig aus:
zurück zum eigenständigen, klar abgegrenzten Sakralraum,
wenn auch unter einem Dach mit den übrigen Gemeinderäumen.
Hell soll der Sakralraum sein, klar und elementar. Nur das
Notwendigste soll er enthalten: Taufbecken und Altar für die
beiden Sakramente, allenfalls noch ein Pult als Ort des Wortes.
Nicht mehr. Mehr könnte ablenken und vergessen lassen,
wo wir sind: in einem heiligen Raum.
Pfarrer Sebastian Kühnen
(aus: Evangelisch in Neuperlach Herbst 2002)
Farben im Gottesdienst
Auf der ganzen Welt können Farben mehr als nur Abwechslung und Verzierung sein. Menschen wählen Farbtöne oft ganz gezielt aus, da diese für sie eine besondere Bedeutung haben. Im Frühmittelalter begannen die Christen, bestimmte Farben in ihren Gottesdiensten zu verwenden, um den Charakter einer Festzeit besonders hervorzuheben. Bis heute sind die Tücher (Paramente) auf dem Altar und am Lesepult in den sog. "Liturgischen Farben" gehalten, die im Laufe eines Kirchenjahres wechseln. Die Wahl der Farben ist durch die Färbetechnik der Antike beeinflußt: Stoffe wurden mit dem Sekret der Purpurschnecke gefärbt. Damit entstand eine Farbskala, die von Violett (auch Grün) und Rot über Purpur bis Schwarz reichte.
Weiß ist die festlichste Farbe, es ist die Farbe der Freude und der Engel. Als Fülle des Lichts weist Weiß auf Christus als das Licht der Welt hin. Von Heilig Abend bis Epiphanias am 6. Januar und die ganze Zeit von Ostern bis Pfingsten ist der Altar mit weißen Tüchern geschmückt. An Pfingsten selbst, an Kirchweih, am Reformationsfest und bei der Konfirmation ist die bestimmende Farbe Rot. Denn Rot steht als Zeichen für Feuer, Liebe und Blut, weist auf das Wirken des Heiligen Geistes und das Bekennen des Glaubens hin.
Violett gehört zu den Vorbereitungs- und Bußzeiten, damit ist es die Farbe im Advent, der Passionszeit vor Ostern und am Buß- und Bettag. Schwarz als Farbe der Trauer findet sich am Karfreitag und bei Beerdigungen.
Fast den ganzen Sommer und Herbst über (genauer gesagt: ab dem 1. Sonntag nach Trinitatis, in diesem Jahr also seit dem 17. Juni) sind die Paramente grün. Damit steht Grün für die vielen "normalen" Sonntage im Kirchenjahr, an denen kein besonderes Fest stattfindet. Grün ist die Farbe für die Hoffnung und das Wachstum - in der Natur und im Glauben. Und beides geschieht oft langsam und unspektakulär.
Wenn Sie sich genauer informieren wollen, welche Farbe gerade "dran" ist: im Gesangbuch ist ab S.1588 für jeden Sonntag die liturgische Farbe genannt.
Vikarin Christiane Döring (aus: Evangelisch in Neuperlach, Winter 2001/2002)
Fasten für
Am Aschermittwoch beginnt die Passionszeit. Seit dem 4. Jahrhundert gibt es diese vierzigtägige Vorbereitungszeit auf Ostern.
Da Jesus selbst vierzig Tage und Nächte gefastet hat (Lukas 4, 1f), ist diese Zeitspanne zum Vorbild geworden für das
christliche Fasten. Die Zahl vierzig ist in der Bibel eine "Symbolzahl". Sie bezeichnet eine Phase, in der sich Menschen auf
ein besonderes Ereignis und auf eine Begegnung mit Gott vorbereiten: Mose bleibt vierzig Tage und Nächte auf dem Berg Sinai,
die Israelitn ziehen vierzig Jahre durch die Wüste, vierzig Tage und Nächts wandert der Prophet Elia zum Gottesberg, wo
Gott mit ihm spricht.
Ursprünglich kommt der Begriff Fasten von Festhalten. Damit ist das Festhalten an bestimmten Regeln gemeint.
Im Mittelalter war das die Pflicht zum Verzicht auf Fleisch, Milchprodukte und Wein und die Pflicht zum Besuch
festgelegter Gottesdienste. Heute könnte dies der Verzicht auf Genussmittel wie Alkohol und Rauchen oder auf Konsumgüter
(Auto, Fernseher, Videospiele, etc.) sein.
Die Reformatoren haben das Fasten sehr kritsich betrachtet. Luther sah im Fasten die Gefahr der "Selbst- oder Werkgerechtigkeit".
Heute erlebt das Fasten in den evangelischen Kirchen eine kleine Renaissance. Viele Protestanten praktizieren das Fasten
in der Zeit vor Ostern als einen bewussten Verzicht, denn es ändert die eigene Befindlichkeit. Der Verzicht führt zu mehr
Achtsamkeit und zu einer gesteigerten Aufmerksamkeit. So entsteht ein Freiraum, um alte Gewohnheiten zu prüfen und
Festgefahrenes zu durchbrechen. So verstanden ist das Fasten keine religiöse Pflicht, sondern eine freiwillige Übung. Es ist
- Fasten für die Seele: d.h. Freiwerden für die stille Zeiten, mit eigenen Gedanken, für die Auseinandersetzung mit
eigenem Glauben, für Gebete, für Gott.
- Fasten für den Leib: d.h. Befreiung aus Abhängigkeiten, Erholung für den Körper durch Verzicht, Zeit sich selbst
wahrzunehmen.
- Fasten für andere: d.h. Fasten öffnet den Blick für das, was wirklich wichtig ist - nicht nur für mich.
Fasten führt zur bewussteren Wahrnehmung meiner Umwelt und zu größerer Achtsamkeit und Hinwendung zu meinen Mitmenschen,
die Not leiden und Hilfe brauchen.
Vikarin Anja Matthalm (aus: Evangelisch in Neuperlach, Frühjahr 2007)
Fastenzeit
Das Fasten zur körperlichen Heilung ist in allen Kulturen bekannt. Die Zeitschriften sind heute voll von Diätplänen, um ein äußerliches Schlankheitsideal zu erreichen - körperliche Ertüchtigung und Schönheit. Diese Veräußerlichung entspricht nicht dem religiösen Fasten vor allem im Alten, aber auch im Neuen Testament. Hier ist das Entschlacken des Körpers eine Hilfe, nicht das Ziel.
Im Alten Testament wurde bei ganz unterschiedlichen Anlässen gefastet: bei Unglücksfällen, verlorenem Krieg oder Todesfällen als Zeichen der Trauer oder auch als Ausdruck der Buße für private oder öffentliche Verfehlungen, schließlich als Vorbereitung auf eine Offenbarung. So erhielt Mose nach 40tägigem Fasten auf dem Berg Sinai die Gebotstafeln (2. Mose 34). Über Daniel heißt es: "Ich aß keine leckere Speise, Fleisch und Wein kamen nicht in meinen Mund". Danach wurden ihm "Gesichte" geschenkt, und er durfte erfahren, daß er von Gott gestärkt und geliebt wurde (Daniel 10).
Jesus hielt sich mit seinen Jüngern an die jüdischen Fastengebote, aber er selbst gab keine Fastenanweisungen. Vor seinem öffentlichen Wirken zog er sich für 40 Tage und Nächte in die Wüste zurück, und am Ende der Versuchung durch Satan sagte er: "Du sollst anbeten den HERRN, deinen Gott, und ihm allein dienen." Mit Jesus hat das Fasten einen neuen Inhalt bekommen: nicht Buße oder Demütigung, sondern innere Einkehr, Reinigung von Süchten und Abhängigkeiten, ein "Frühjahrsputz" für Körper und Seele.
Wenn Menschen heute die Fastenzeit wiederentdecken, ist es wichtig, daß sie dies freiwillig tun: Ich betrachte mich und erkenne und entscheide dann - z.B. kein Glas Wein am Abend oder keine Zigarette, kein Fernsehen, keine unnötigen Einkäufe oder keine Wurst aufs Brot. Vielleicht sollte ich auch die Arbeit neu und sinnvoll einteilen, damit ich frei und offen sein kann für die Kinder, für den Partner, für mich selbst, um an jedem neuen Tag, den Gott schenkt, das Schöne zu entdecken, das ich durch das dauernde Hetzen und Raffen verloren habe. Auf diesem Weg in die Ruhe kann ich vielleicht auch wieder ins Gespräch mit Gott kommen - so, wie Gott in der Losung für das Jahr 2000 verspricht: "Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen." (Jeremia 29, Vers 13 und 14)
Ingeborg Saussen (aus: Evangelisch in Neuperlach, Frühjahr 2000)
Informationen zur Fastenaktion "Sieben Wochen ohne" finden Sie auf einer
Info-Seite
des Gemeinschaftswerkes für Evangelische Publizistik.
Gesegnet in Liebe - Trauung und Segnung
Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, meinte Gott und er
schuf daher dem Menschen ein Gegenüber, eine Hilfe, die ihm
entspricht. So erzählt uns der zweite alttestamentliche
Schöpfungsbericht von der Erschaffung der Menschen und ihrer
Bestimmung: der Mensch als gemeinschaftsbezogenes und
-bedürftiges Wesen. Wir Menschen brauchen einander, so wie
wir Gott brauchen, unseren Schöpfer, Grund und Quelle
allen Lebens.
Und Gott schuf uns Menschen aus einem Fleische. Mit diesem
schönen Bild will die Bibel jene geheimnisvolle und
faszinierende Anziehungskraft zwischen zwei Menschen in ihrer
Geschlechtlichkeit erklären: Gott schuf sie aus je einer
Seite. Darum streben sie zueinander, weil sie sich sehnen nach
ihrer ursprünglichen Einheit. Das begründet keine
Rangordnung. Mitnichten, denn beide brauchen einander - beide,
nicht nur eine Seite.
Seit Menschengedenken leben Menschen zusammen und lieben einander.
In unterschiedlichen Formen und keineswegs immer so, wie jede und
jeder einzelne von uns sich das für sich selbst vorstellen kann.
Allein schon die Ehe, dies "weltlich Ding", wie Martin Luther
sie einmal bezeichnet hat, hat einen großen Wandel
durchgemacht: von der patriarchal geprägten Vielehe Davids
bis zur heutigen bürgerlichen Einehe mit
Liebesheirat und Gleichberechtigung.
Einander lieben. Und zusammen leben. Dieses Bedürfnis
haben aber nicht nur Frauen und Männer, die das andere
Geschlecht lieben. Es haben auch Frauen und Männer, die das
eigene Geschlecht lieben. Auch, wenn manche das nicht
wahr haben wollen.
Allen gemeinsam ist aber, dass die Liebe ein großes
Geschenk Gottes und zugleich eine große Aufgabe ist.
Denn ein liebevoll und verantwortlich gestaltetes Zusammenleben
in (eingetragener) Partnerschaft und Ehe mag für
beide inzwischen ein rechtlicher Status sein, vor allem aber
ist beides (so hoffe ich doch!) ein lebendiger Prozess, der
stets der wechselseitigen Aufmerksamkeit und Pflege, aber auch
immer wieder der Begleitung, der
Stärkung und der Hilfe bedarf.
Und diese Begleitung, die Rückenstärkung und Hilfe
unseres Gottes wird Menschen in Trauung oder Partnerschaftssegnung
unserer Kirche zuteil: der Segen Gottes, der uns in Gemeinschaft
behüten, begleiten und bewahren will
in Liebe und Gerechtigkeit.
Pfarrer Sebastian Kühnen.
(aus: Evangelisch in Neuperlach - Frühjahr 2004)
Glauben und Feiern
Zum Glauben gehört auch das Fest. Glaube will gestaltet, begangen und gefeiert werden.
Das gilt für alle Religionen.
Im Monat Dezember begehen alle drei großen abrahamitischen Religionen GlaubensFeste. Im Judentum findet im Zeitraum vom 5.-12. Dezember das ChanukkaFest statt, die Muslime begehen in diesem Jahr vom 20.-23. Dezember ihr Opferfest und wir Christen feiern am 24. Dezember Heiligabend. Im Grunde wissen wir viel zu wenig über die Feste in den anderen Religionen. Darum hier einige grundlegende Informationen:
Das jüdische Chanukkafest gehört zu den untergeordneten Festen im Judentum und bedeutet "Weihung". Es erinnert an die Wiedereinweihung des Jerusalemer Tempels durch die Makkabäer im Jahr 165 v. Chr., nachdem der Tempel zuvor durch den syrischen Feldherrn Antiochus IV Epiphanes entweiht worden war. Nach der jüdischen Legende war im Tempel nur noch ein kleiner Krug mit Öl erhalten geblieben. Dennoch reichte das Öl auf wundersame Weise für acht Tage, ein wahres "Lichtwunder". Während der acht Tage des Chanukkafestes wird jeweils nach Sonnenuntergang eine zusätzliche Kerze des neunarmigen Leuchters entzündet, beginnend bei der mittleren Kerze, bis alle Kerzen entzündet sind. Dann werden spezielle Chanukka-Lieder gesungen, Kinder beschenkt und Krapfen und Pfannkuchen gegessen.
Das Opferfest ist das höchste islamische Fest und wird zum Höhepunkt der Wallfahrt nach Mekka an vier Tagen gefeiert. Aufgrund des islamischen Mondkalenders kann das Fest zu jeder Jahreszeit stattfinden. Beim Opferfest wird des Propheten Ibrahim (Abraham) gedacht, der die göttliche Probe bestanden hatte und bereit war, sogar seinen eigenen Sohn Ismael (Isaak) zu opfern. Als Allah (Gott) sein Gottvertrauen sah, gebot er ihm Einhalt. Stattdessen wurde ein Widder geopfert. Für gläubige Muslime ist es Pflicht, zum Fest ein Tier zu opfern, wenn sie es sich leisten können. Das Fleisch soll insbesondere auch mit Armen und Hungernden geteilt werden. Es ist zudem Brauch, allen Freunden und Verwandten zum Opferfest gute Wünsche und ein Teil des Fleisches zukommen zu lassen. Man besucht Verwandte und Bekannte und macht sich gegenseitig und auch Bedürftigen Geschenke.
Pfarrer Sebastian Kühnen.
(aus: Evangelisch in Neuperlach - Winter 2007)
Glocken
Hat das Thema "Glocken" etwas bei den Glaubensinformationen verloren? Es hat! Denn der Glaube ist keine abstrakte Idee, sondern er bildet eine ganze Welt aus, zu der eben Glocken, Kirchen, Orgeln, Zeichen und Rituale gehören. Welch eine religiöse Rolle Glocken spielen können, sehen wir in Goethes "Faust":
Welch tiefes Summen, welch hoher Ton zieht mit Gewalt das Glas von meinem Munde? Verkündiget ihr dumpfe Glocken schon des Osterfestes erste Feierstunde? ... Was sucht ihr, mächtig und gelind ihr Himmelstöne mich im Staube? ... Zu jenen Sphären wag ich nicht zu streben, woher die holde Nachricht tönt, und doch, an diesen Klang von Jugend auf gewöhnt, ruft er auch jetzt zurück mich in das Leben.
Faust wird gerettet durch die Osterglocken. Die Glocken haben Anteil an der Macht der Gnade. Der Glaube lebt und webt in Erinnerungen und Hoffnungen. Im Glockenklang lauschen wir unserer Kindheit, lauschen dem Klang von Glaube, Familie, Heimat, Wiege, Grab, Vergangenheit und Künftigem.
Die zum Gottesdienst rufende Glocke begegnet zuerst in den Klöstern des Orients, um die Mönche zum Gebet zu versammeln. Diese Praxis breitet sich dann über Irland nach Frankreich, Deutschland, Italien und Nordafrika aus. Im Mittelalter trugen Glockentürme nicht selten ein Dutzend Glocken. Die Kirchen von Lisieux besaßen im Jahr 1789 insgesamt 42 Glocken, deshalb sprach man von den "klingenden Städten". Von der Gewalt der Glocken können wir uns kaum noch eine Vorstellung machen, regelrechte Schwindelgefühle wurden durch sie ausgelöst, eine Klanggewalt, vergleichbar vielleicht heute der Klanggewalt von Rockkonzerten. Ja, man sprach sogar von dem Pfarrbezirk als einem akustischen Raum, begrenzt von der Reichweite der Kirchenglocken.
Das Läuten der Glocken bestimmte Jahrhunderte lang den Lebens- und Arbeitsrhythmus der Menschen, es orientierte ihren Zeit- und Raumsinn. Die Glocken warnten vor Feuersbrünsten und Seuchen, verkündeten Festlichkeiten und Katastrophen und gemahnten an Geburt und Tod. Ist die große Zeit der Glocken in unserer säkularisierten Gesellschaft vorbei? Ihr Klangmonopol - es war immer auch mit politischer Macht verbunden - haben sie verloren. Aber sie ragen in unsere weltlichen Landschaften immer noch hinein als sperrige Relikte einer anderen Welt, die irritiert und fasziniert.
Pfarrer Michael Göpfert (aus: Evangelisch in Neuperlach, Frühjahr 2002)
Judentum - Christentum - Islam
Die Nebeneinanderstellung dieser drei Religionen erweckt den
falschen Eindruck, als handele es sich um drei voneinander ganz
unabhängige Religionen, die ähnlich miteinander verglichen
werden wie etwa Christentum und Buddhismus und Hinduismus. Das ganz
besondere und eigentümliche Verhältnis wird etwa an der
Frage deutlich: War Jesus Christ? Nein, eigentlich war er Jude.
Oder ist das Alte Testament christlich? Ja, aber es ist auch die
jüdische Bibel. Und der Begründer des Islam, Mohammed,
er verstand sich eigentlich nicht als Stifter einer neuen Religion,
sondern als "Siegel der Propheten", als letzter in der Reihe der
biblischen Propheten, der die jüdisch-christliche Offenbarung
seit Abraham nur für die arabische Welt vollendet. Das
Christentum hat sich aus dem Judentum heraus entwickelt und bleibt
unauflöslich mit ihm verbunden, und der Islam ist so verwandt
mit dem Christentum, dass er lange als eine christliche Sekte
verstanden wurde.
Die enge Verwandtschaft von Juden, Christen und Moslems wird an den
fünf sogenannten Säulen des Islams deutlich, die ihre
Entsprechung in der Bibel haben: Der Glaube an den einen Gott,
das fünfmalige tägliche Gebet, Almosengeben für
die Armen, Fasten, die Wallfahrt nach Mekka. Wer die Bergpredigt
kennt, der weiß um diese klassische Trias von Beten, Fasten,
Almosen. Die Pilgerfahrt nach Jerusalem war immer ein Höhepunkt
im jüdischen Leben und auch die Christen bildeten bald
Wallfahrtstraditionen zu den heiligen Stätten Jerusalem und
Rom vor allem.
Der Eingottglaube, der Monotheismus ist so grundlegend, dass die
drei Religionen auch oft die drei monotheistischen Religionen
genannt werden. In der letzten Zeit spricht man auch häufig
von der "abrahamitischen Ökumene", also der
Zusammengehörigkeit durch die gemeinsame Überzeugung,
dass der Patriarch Abraham das Urbild und der Stammvater des
Glaubens ist. Glaubensgehorsam, Unterwerfung unter Gott, das
bedeutet das Wort "Islam", dafür ist Abraham Vorbild, wie es
auch Paulus im 4. Kapitel des Römerbriefes beschreibt.
Der Islam besticht durch seine Klarheit und Einfachheit.
Demgegenüber erscheint das Christentum oft schwierig und
kompliziert, zum Beispiel der Glaube an die Trinität. Es ist
äußerst wichtig, dass wir Christen nicht den Eindruck
eines Glaubens an drei Gottheiten erwecken, sondern deutlich machen,
dass auch wir an einen Gott glauben, der sich uns aber in drei
Weisen offenbart.
Die enge Verwandtschaft der drei Religionen erklärt teilweise
auch die besondere Härte in der Auseinandersetzung bis hin zu
Hass, zu Verfolgung und Unterdrückung. Kreuzzüge,
Antisemitismus, Holocaust: Juden, Christen und Moslems haben viel
aufzuarbeiten an wechselseitiger Schuldgeschichte. Für die
Ökumene der drei Religionen wird es entscheidend sein, ob es
in ihrem Ursprungsland, dem Nahen Osten, gelingt, Fanatismus,
Gewalt und radikalen Fundamentalismus zu überwinden.
Jungfrauengeburt
In der Bibel berichten die Evangelisten Matthäus und Lukas, daß Jesus von einer Jungfrau geboren wurde: Nicht ein Mann habe Jesus mit Maria gezeugt, sondern sie sei durch den Heiligen Geist schwanger geworden. Allerdings widersprechen sich die Berichte über die Geburt Jesu bei den beiden Evangelisten an etlichen Stellen. So weiß Lukas nichts vom Besuch der Weisen aus dem Morgenland, Matthäus dagegen läßt die Familie Jesu ursprünglich in Bethlehem, nicht in Nazareth wohnen. Die moderne Bibelforschung ist sich daher einig, daß die Erzählungen von der Geburt Jesu nicht historisch exakte Berichte sind. Sie kleiden vielmehr den christlichen Glauben in bildhafte und symbolische Geschichten: Sie stellen also nicht objektiv dar, wie Jesus gezeugt und wo er geboren wurde, sondern sie drücken in einer wundersamen Erzählung aus, daß Jesus der Sohn Gottes ist.
Entscheidend ist daher nicht die wunderhafte Vorstellung von der Jungfrauengeburt, sondern das, was damit gemeint ist: Es ist wunderbar, daß Gott Mensch geworden ist. Dazu haben die Menschen nichts beigetragen, sondern es war allein Gottes Wille. Das Wunder der „Jungfrauengeburt“ bringt das zum Ausdruck: Es ist nicht einem Mann zu verdanken, daß Jesus geboren wurde, sondern Gott selbst.
Jesus ist der Sohn Gottes - das bedeutet, daß Gott den Menschen in Jesus von Nazareth begegnet, und darin sind sich alle Bücher des Neuen Testaments einig. Allerdings drücken sie dies in unterschiedlichen Bildern und Symbolen aus. So sprechen nur Matthäus und Lukas von der Jungfrauengeburt, die anderen biblischen Bücher wissen davon nichts. Zwar beruft sich Matthäus auf Jesaja. Doch ist bei diesem Propheten nur die Rede von einer "jungen Frau", die den Erlöser gebären wird. Erst die von Matthäus benutzte griechische Übersetzung des Alten Testaments hat daraus eine "Jungfrau" gemacht.
Allerdings: Jesus kann sowohl durch den Heiligen Geist "Gottes Sohn" als auch der natürliche Sohn von Josef und Maria sein - so sehen es z.B. das Markus- und das Johannesevangelium. Denn "Gottes Sohn" bedeutet ja gerade nicht, daß Jesus Gott in einem biologischen Sinne zum Vater hatte. "Gottes Sohn" heißt vielmehr, daß das Verhältnis zwischen Gott und Jesus so eng war wie das zwischen einem idealen Vater und seinem Kind. Jesus war - wie man so sagt - "ganz der Vater" und hatte darum die Vollmacht, als "Sohn" an seiner Stelle zu reden und zu handeln.
Pfarrer Hans G. Strauch (aus: Evangelisch in Neuperlach, Winter 2000/2001)
Die Evangelischen und der Karfreitag
Bis in die 60er Jahre hinein war der Karfreitag der Höhepunkt
des evangelischen Kirchenjahres, was sich auch statistisch an
Gottesdienstbesuch und Abendmahlsempfang zeigtet. Passionsandachten
in der Passionszeit waren selbstverständlich. Protestantische
Frömmigkeit vertiefte sich in die Passionschoräle, vor
allem Paul Gerhardts "O Haupt voll Blut und Wunden". Nicht zu
vergessen die ergreifenden Passionen von Johann Sebastian Bach, die
nach wie vor ungeheuere Anziehungskraft entwickeln, weit über
die Ränder der Kirche hinaus.
Man kann fragen, ob es sich hier nicht um Relikte eines
Kulturprotestantismus handelt, der nicht darüber
hinwegtäuschen kann, dass die inhaltlichen Aussagen einer
lutherischen Kreuzestheologie immer unverständlicher geworden
sind.
Sogar das theologische Profil des evangelischen
München-Programms redet platt von der Botschaft der Liebe
Gottes, während für die klassischen
Karfreitagspredigten die Spannung von Gericht und Gnade Gottes,
Zorn und Liebe Gottes, von Unruhe des Gewissens und Seelenfrieden,
Auflehnung und Gehorsam bestimmend gewesen ist. Dass Gott im
stellvertretenden Sühneleiden Christi die Schuld der Welt
vergibt, erscheint vielen Christen inzwischen als masochistische
Verzerrung des Gottesbildes. Ein Gott, "der auf Blut steht", ist
nicht vermittelbar.
Aber der Karfreitag zerstört eben jenes humanistische
Gottesbild, das nichts davon weiß, dass Gottes Heiligkeit
darin besteht, dass er durchs Sterben ins Leben führt, dass
die Schuld und Gottlosigkeit der Welt ihn etwas kostet.
Karfreitag bedeutet, dass Gott in der Person Christi den Tod mit
uns teilen musste, damit wir das Leben mit ihm teilen können.
Am Kreuz tritt Gott an unsere Stelle. Da erleidet er, was keiner
von uns zu leiden vermag: die Schwere menschlicher Schuld und den
Fluch menschlicher Gottlosigkeit. Und hart heißt es in einem
alten protestantischen Choral: "O große Not, Gott
selbst liegt tot. Am Kreuz ist er gestorben..."
Gestorben ist am Karfreitag der Gott, den der Mensch sich nach
seinem eigenen Bilde erschafft, ein Gott, der immer höher
hinaus will, immer mehr will. Im Kreuz Christi aber hat sich ein
Gott gezeigt, der hinunter will. Der Allerhöchste
identifiziert sich mit einem als Verbrecher hingerichteten
Menschen, er erleidet die Gewalt des Todes, um ihm seine Gewalt
über den leidenden Menschen zu nehmen. "Es war ein wunderlich
Krieg, da Tod und Leben rungen, das Leben behielt den Sieg,
es hat den Tod verschlungen³, singen deswegen die Christen.
Schon Paulus hat das einen Skandal und eine Torheit für
die Welt gennannt und Friedrich Nietzsche hat in dem Wort vom
Kreuz eine Kampfansage an alle menschlichen Werte gesehen. In der
Tat: welche christliche Umwertung aller Werte an Karfreitag
geschehen ist, das müssen wir Christen wieder neu entdecken.
Pfarrer Michael Göpfert
(aus: Evangelisch in Neuperlach - Frühjahr 2003)
Kirchenvorstand
Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist. Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr. Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirket alles in allen. (1. Korintherbrief 12, Vers 4 - 6).
Der Kirchenvorstand in evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden setzt sich aus den Pfarrer/innen (den Hauptamtlichen) und den von der Gemeinde gewählten Gemeindegliedern (den Ehrenamtlichen) zusammen. In der Lätare-Gemeinde sind dies neun zu wählende Kandidatinnen und Kandidaten. Die Aufgaben des Kirchenvorstandes sind nach § 16ff der Kirchengemeindeordnung: "Der Kirchenvorstand vertritt die Kirchengemeinde; er hat um die Erfüllung ihrer Verpflichtungen besorgt zu sein und ihre Rechte zu wahren. Pfarrer/innen und Kirchenvorsteher/innen wirken bei der Leitung der Kirchengemeinde zusammen; sie stehen in Verantwortung füreinander im Dienst an der Gemeinde."
Der Kirchenvorstand ist also vergleichsweise das Parlament, die Legislative der Kirchengemeinde. Er berät und beschließt die Gestaltung des kirchlichen Lebens in der Gemeinde für die Gemeinde: Er legt die Ordnung der Gottesdienste fest, er begleitet und fördert die Arbeit der Mitarbeiter/innen in der Gemeinde. Er berät und beschließt Personalangelegenheiten, den Bauunterhalt und die Finanzen. Freiwerdenden Pfarrstellen in der Gemeinde besetzt er im Wechsel mit dem Landeskirchenrat.
Rückblickend nenne ich einige Entscheidungen des Kirchenvorstands aus den letzten Jahren, die ein hohes Maß an Verantwortung erforderten, um das Für und Wider und die Konsequenzen zu bedenken:
die Schließung des "Pavillon Ost" am Gerhart-Hauptmann-Ring zugunsten eines neuen Gemeindezentrums in Neuperlach Süd
die Einbeziehung und Beteiligung der Kinder beim Abendmahl
die Anschaffung einer Orgel für die Lätare-Kirche
der Bau der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche
Orgel- und Kirchenbau konnten nur verwirklicht werden durch die Gründung von Vereinen, die die Projekte finanziell unterstützten und noch unterstützen. Den Vereinsmitgliedern und allen anderen, die die Vereine durch Beiträge und Spenden fördern, möchte ich an dieser Stelle ganz herzlich danken.
Ulrich Barann, damaliger Vertrauensmann des Kirchenvorstandes,
aus Anlaß der Kirchenvorstandswahl im Oktober 2000 (aus: Evangelisch in Neuperlach, Herbst 2000)
Klingelbeutel und Kollekte
Zwei Sammlungen gibt es normalerweise in einem evangelischen Gottesdienst: den Klingelbeutel nach der Predigt (bzw. vor dem Abendmahl) und die Kollekte nach dem Gottesdienst. Der Klingelbeutel ist für den Bedarf der eigenen Gemeinde bestimmt, z.B. für Kindergottesdienst und Jugendarbeit. Die Verwendung der Kollekte am Ausgang wird dagegen - speziell für jeden Sonntag - teils von der bayerischen Landeskirche, teils vom Dekanatsbezirk und teils von der jeweiligen Gemeinde festgelegt, so z.B. für soziale Zwecke, für Partnerkirchen in der "Dritten" Welt oder für bestimmte Aufgaben der eigenen Gemeinde wie den Gemeindebrief oder die Kirchenmusik.
Die Geschichte des Klingelbeutels reicht bis in die Anfänge der Kirche zurück. Damals brachten die Gemeindeglieder im Gottesdienst Brot, Wein und andere Gaben zum Altar. Davon wurde ein Teil für die Feier des Abendmahls verwendet, der Rest an die Armen verteilt. Der Einfachheit halber ging man später dazu über, nur noch Geld einzusammeln. Von diesen Spenden wurden dann Brot und Wein für das Abendmahl gekauft und die Bedürftigen unterstützt. Wegen dieses Zusammenhangs mit dem Abendmahl wird der Klingelbeutel feierlich und oft mit einem stillen Gebet auf den Altar gelegt. Es ist daher sachgemäßer zu sagen, daß der Klingelbeutel "vor dem Abendmahl" (und nicht "nach der Predigt") herumgereicht wird. Noch deutlicher sichtbar ist diese Bedeutung, wenn Brot und Wein erst zusammen mit dem Klingelbeutel zum Altar gebracht werden und nicht schon zu Beginn des Gottesdienstes darauf bereitstehen. Der Name des Klingelbeutels rührt übrigens daher, daß er früher mit Glöckchen versehen war, so daß die Gottesdienstbesucher/innen rechtzeitig auf ihn aufmerksam wurden.
Die Sammlung am Ende des Gottesdienstes geht auf die "Opferstöcke" zurück, die noch in vielen älteren Kirchen zu finden sind und die oft aus massivem Stein bestehen. In sie konnten während der ganzen Woche Spenden eingelegt werden. Heute wird die Kollekte jeweils für einen bestimmten Zweck erbeten, um deutlicher zu machen, wofür die Gemeinde diese Spenden verwendet. Außerdem können die Gottesdienstbesucher/innen so gezielter entscheiden, was sie mit ihren Gaben unterstützen wollen.
Hans Georg Strauch (aus: Evangelisch in Neuperlach, Sommer 2002)
Konfirmation
In vielen Kulturen und Ländern unterziehen sich Jugendliche während der Pubertät einem Ritual, durch das sie fortan als Erwachsene gelten. In der DDR z.B. war das die staatliche Jugendweihe. Auch in der Kirche findet sich eine solche Zeremonie, bei der die Heranwachsenden als Gleichberechtigte aufgenommen werden: die Firmung in der katholischen und die Konfirmation in der evangelischen Kirche.
Die Konfirmation war ursprünglich nur ein Teil des größeren Rituals, durch das man in die christliche Glaubensgemeinschaft aufgenommen wurde. Dieses Ritual umfaßte unter anderem auch die Taufe und Salbung.
Die ursprüngliche Auffassung, ein Neugeborenes sei frei von Sünde, wurde in der frühen Kirche bald aufgegeben. So wurde statt der Erwachsenen- die Kindertaufe üblich. Schon der Säugling sollte von seinen Sünden reingewaschen und in die Gemeinde aufgenommen werden.
Die Taufe war damit aber keine bewußte Entscheidung mehr für den christlichen Glauben. Darum wurde die confirmatio (lateinisch für "Befestigung, Bestätigung") abgetrennt und erst gefeiert, wenn ein Kind erwachsen wurde: Der Konfirmand bekräftigt dabei den Bund, den Gott mit ihm bei der Taufe eingegangen ist; er kann sich nun aus eigenem Willen dafür - oder dagegen - entscheiden. (In den orthodoxen Kirchen des christlichen Ostens werden dagegen Kinder weiterhin schon bei der Taufe konfirmiert.)
Die Konfirmation ist allerdings nicht einseitig: Auch Gott handelt dabei und bestätigt, daß er dem Konfirmanden zur Seite steht und ihn auf seinem Lebensweg begleitet und segnet.
Früher war es erst nach der Konfirmation möglich, am Abendmahl teilzunehmen. Heute dürfen das in vielen Gemeinden auch Nicht-Konfirmierte, denn Christ wird man durch die Taufe. Und als Christ sollte man auch am wichtigsten Glaubensritual teilhaben können!
Konfirmation bedeutet außerdem, ein vollwertiges Mitglied der Gemeinde zu werden und dort mitbestimmen zu können. Darum dürfen in Bayern die Konfirmanden - erstmals in diesem Jahr - auch bei der Wahl zum Kirchenvorstand ihre Stimme abgeben - vier Jahre, bevor sie Politiker (ab-)wählen können.
Björn Anders (aus: Evangelisch in Neuperlach, Sommer 2000)
Kyrie und Gloria
Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen
Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: "Ehre sei Gott in der
Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines
Wohlgefallens." (Lukas 2,13-14)
Weihnachten: am 24. Dezember feiern wir das Fest der Geburt Jesu
Christi. Wir stimmen ein in den Lobgesang der Engel: Gloria in
excelsis deo, zu deutsch: Ehre sei Gott in der Höhe. In
vielen Weihnachtsliedern findet sich dieser Lobpreis Gottes aus
dem Lukasevangelium. Man findet ihn auch über vielen Krippen
oder gemalt auf Schriftrollen in der Hand von Engeln. Weihnachten
ist eine Zeit der Freude, in der viele Menschen das Bedürfnis
spüren ihre Dankbarkeit gegenüber Gott auszudrücken.
Gott loben und ehren hat seinen Platz aber nicht nur einmal im
Kirchenjahr sondern in jedem Gottesdienst. Zusammen mit dem
Kyrieruf, dem Credo (Glaubensbekenntnis), dem Sanctus
(Heilig, heilig, heilig) und dem Agnus Dei (Christi, du Lamm Gottes)
bildet das große Gloria einen der fünf liturgischen
Gesänge, die seit der Frühzeit der Kirche Grundelemente
des christlichen Gottesdienstes sind.
Der Aufbau ist zweigeteilt. An den Lobpreis der Engel aus
Lukas 2,14 schießt sich im anknüpfenden großen
Lobgesang oder im Glorialied ein Bekenntnis zu Jesus Christus als
Herrn und Erlöser der Welt an. Seinen Ursprung hat das Gloria
in einem Hymnus aus dem Morgengottesdienst der Ostkirche.
Später wurde es zum festlichen Eingangsgesang am
Weihnachtsfest. Seit dem Mittelalter hat das Gloria seinen festen
Platz in den Gottesdiensten an allen Sonn- und Feiertagen,
ausgenommen in der Advents- und Passionszeit. Von Anfang an ist
das Lob Gottes Volks- und Gemeindegesang. Dies ist sowohl an
seiner liturgischen Form zu erkennen, der Liturg leitet den
Gesang ein, der dann von der Gemeinde weiter gesungen wird,
als auch an der Möglichkeit, anstelle der traditionellen
Form ein Glorialied zu singen.
Während Sanctus und Agnus Dei nur im Abendmahlsteil des
Gottesdienstes angestimmt werden, wird neben dem Gloria jeden
Sonntag der Kyrieruf gesungen oder gesprochen.
Die Anrufung Gottes mit "Herr, erbarme dich" steht im Eingangsteil
des Gottesdienstes dem Gloria, dem Lob Gottes, voraus. Das Kyrie
ist ein Wechselgesang sowohl zwischen Liturg und Gemeinde als auch
zwischen zwei Sprachen: Das Kyrie eleison erinnert dabei an die
griechische Sprache, die Sprache des Neuen Testamentes. Die
Gemeinde antwortet mit der deutschen Übersetzung:
Herr, erbarme dich.
In seinen drei Teilen weist das Kyrie auf die Trinität
Gottes hin. Die Anrufung "Christus, erbarme dich" in der Mitte
des Kyrie macht aber deutlich, dass in erster Linie Christus von
unserem Rufen angesprochen werden soll.
"Herr, erbarme dich!" von seiner ursprünglichen
Bedeutung her ist es ein Bittruf, ein spontaner Aufschrei eines
Einzelnen. Es kann aber auch die gemeinschaftliche Anrufung Gottes
ausdrücken. Im Gottesdienst kann diese auf ganz
unterschiedliche Weise entfaltet und gestaltet werden: Als
Anrufung Gottes zu Beginn des Gottesdienstes oder zwischen den
einzelnen Bitten im Fürbittengebet. Trinitarisch gestaltet,
im Wechsel mit der Gemeinde oder allein vom Liturgen gesprochen.
Im Kyrie eleison kann sowohl die Klage über menschliches Leid,
der Ausdruck menschlicher Bedürftigkeit, die vertrauensvolle
Anrufung von Gottes Hilfe oder auch das Lob seiner Macht, die alle
menschliche Macht begrenzt, ausgedrückt werden. In letzterem
Sinn geht der Kyrieruf fließend in das sich
anschließende Gloria zu Lob und Ehre Gottes über.
Und so ist es nicht verwunderlich, dass gerade viele
Weihnachtslieder, die die Menschwerdung Gottes und sein heilsames
Wirken für uns auf Erden preisen, mit Kyrie eleison enden.
"Gelobet seist du, Jesu Christ, dass du Mensch geboren bist von
einer Jungfrau, das ist wahr; des freuet sich der Engel Schar.
Kyrieleis."
Vikarin Anja Matthalm (aus: Evangelisch in Neuperlach Winter 2005)
Leben mit den Toten
Wie sind die Toten unter den Lebenden gegenwärtig?
Die Gegenwart des Verstorbenen ist unterschiedlich dicht. Unmittelbar nach
dem Sterben, solange der Tote noch physisch da ist, im Zimmer, in der Wohnung, ist seine Präsenz noch so
dicht, dass wir ihn ansprechen, berühren. Der Pfarrer, wenn er gerufen wird, nennt seinen Namen und redet
ihn im Segensspruch an. Auch bei der Beerdigung, solange der Sarg sichtbar ist, wird der Verstorbene angeredet,
z.B. „Gott nehme dich auf in seine himmlischen Wohnungen“. Nach der Beerdigung, in den verschiedenen
Phasen der Trauerarbeit, gibt es intensive Begegnungen, Auseinandersetzungen, Gespräche mit
dem Verstorbenen. Die Schuldgefühle, die mich in der Trauer heimsuchen, verwickeln mich in einen intensiven
Prozess schmerzlicher Dialoge mit dem Toten über Versäumtes, Zugefügtes und Erlittenes. Der Gang
zum Grab kann ein Moment sein, wo der Tote mir wieder überdeutlich vor Augen steht. Oder am Jahrestag
seines Todes, wenn in der Kirche sein Name ausgesprochen wird, eine Kerze für ihn angezündet wird, für
ihn gebetet wird, da ist er wieder da. Dazu kommt der Hausaltar, den viele Trauernde, Hinterbliebene, sich
in der Wohnung errichten, Bilder, Andenken, Erinnerungsgegenstände: all das lässt den Verstorbenen
irgendwie im Raum da sein.
Im Lauf der Zeit wird die Gegenwart des Verstorbenen oft schwächer, weniger massiv, auch weniger schmerzlich.
Aber ist der Tote deswegen nicht mehr da, ist er jetzt endgültig tot? Stirbt der Tote endgültig mit dem Sterben
der Erinnerung? Der christliche Glaube sagt: nein.
Der Beter des Psalms 73 betet: „Du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an... wenn
mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch Gott allezeit meines Herzens Trost und mein Teil“. Das ist
die Hoffnung des Beters, dass Gott die Gemeinschaft mit sich über den Tod hinaus endgültig werden lässt. Oder mit
anderen Worten: Der Tote bleibt eingeschrieben in das göttliche Leben, in das göttliche Gedächtnis. So können
wir den Schlusssatz des Psalms 23 verstehen: „Ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“ Der Verstorbene
bleibt aufbewahrt und erhalten bei Gott selbst. Und wenn Gott ein von uns Menschen ansprechbarer Gott ist, dann
haben die Toten Anteil an dieser Ansprechbarkeit, weil sie ja in Gott sind. Auch wenn der einzelne Tote längst vergessen
ist, sagt der Pfarrer immer noch vor dem Abendmahl: „Wir feiern das Abendmahl in Gemeinschaft mit
der ganzen Christenheit und mit allen, die zu Tische sitzen im Reiche Gottes.“ Die Kirche ist die Gemeinde der
Heiligen, die Lebende und Tote umfasst. Die Verstorbenen sind in der versammelten Gemeinde der Heiligen
präsent, die Kirche lebt mit den Toten.
Pfarrer Michael Göpfert (aus: Evangelisch in Neuperlach Herbst 2008)
Losung und Lehrtext
Losung und Lehrtext - viele wissen, dass damit Gottes Wort für jeden Tag gemeint ist, die "Losungen der Herrnhuter
Brüdergemeinde", die in einem kleinen Büchlein zusammengefasst, jährlich neu erscheinen und das seit 1731 in ununterbrochener
Folge, über alle Krisen und Kriege hinweg.
Längst spricht man vom heimlichen Bestseller des deutschen Buchhandels mit einer jährlich verkauften Auflage von mehr
als einer Million Exemplaren. Dazu kommen noch kleinere Auflagen in mehr als 50 Sprachen!
Worum geht es? Um ausgewählte, ausgeloste Bibelworte für jeden Tag, ergänzt mit einem Gebet, einem Liedvers und weiteren
Bibelstellen, die zu einer fortlaufenden Bibellese einladen. Außerdem findet man in diesem Büchlein auch ein besonderes
Bibelwort für jede Woche und für jeden Monat, schließlich die Jahreslosung.
Neben diesem Losungsbüchlein gibt es noch andere Andachts- oder Bibellesehilfen, z. B. den "Neukirchner Abreißkalender",
Stundenbücher, Breviere und ähnliches Kleinschrifttum. Gerade Kalender waren es, die seit dem 15. Jahrhundert, neben Bibel
und Gesangbuch, mit belehrenden Aufsätzen, Anweisungen, Legenden und "Kalendergeschichten" Hilfe für das tägliche Leben
angeboten haben und vertraut machten mit dem Wort Gottes. Man denke an den "Wandsbecker Boten", herausgegeben von
Matthias Claudius und an den "Rheinländischen Hausfreund", dessen Herausgeber Johann Peter Hebel war.
Den Tag zu beginnen oder abzuschließen mit einem Bibelwort, einem Liedvers oder mit einem Gebet ist für viele längst zur
Selbstverständlichkeit geworden, zu einem täglichen Ritual. Der Tag bekommt auf diese Weise eine besondere Ordnung, eine
Ausrichtung, eine Perspektive, die über so manche Sorge und so manchen Ärger hinweg helfen kann und viele Dinge anders
sehen lehrt.
Der Wunsch nach Hilfe zur Bewältigung des Alltäglichen oder des Außerordentlichen ist bei vielen Menschen da, wie anders
kann man sich sonst die Nachfrage nach esoterischer Literatur im Allgemeinen und das eifrige Lesen der Tageshoroskope und
Mondkalender im Besonderen erklären?
Und womit beginnen Sie Ihren Tag?
Diakon i.R. Horst Brüsch (aus: Evangelisch in Neuperlach, Winter 2006)
Zurück zum Seitenanfang.
Mystik als Weg
Mystik. Ein geheimnisvolles Wort, das über Jahrhunderte hinweg nichts an Faszination verloren hat, wann immer von Religion und Spiritualität die Rede ist und Menschen nach Wegen suchen, ihre Spiritualität zu leben. Doch was eigentlich ist Mystik? Wo kommt sie her, wie funktioniert sie und kann man sie lernen?
Mystischem Erleben liegt - ganz gleich in welcher Religion - eine tiefe Sehnsucht zugrunde. Eine Sehnsucht nach authentischem Leben, nach Einssein und Verschmelzung, nach Hingabe und Überwältigung.
Eine der bekanntesten deutschen Theologinnen Dorothee Sölle (* 1929 + 2003) beschreibt in ihrem Buch "Mystik und Widerstand. ‚Du stilles Geschrei'" als zentrale Züge mystischen Erlebens: "das Gefühl des Einsseins mit allem, was lebt; die Versenkung oder das Eintauchen in das zuvor unbekannte Ganze; das Aufhören des Ego und zugleich die Entdeckung des wahren Selbst; das Erstaunen; die intensive unbegründbare Freude..."
Die christliche Mystik des Mittelalters findet meist eine schöpfungstheologische Begründung. Sie gründet in einer ekstatischen Freude über die Schönheit und Vielfalt der Schöpfung und gipfelt in einem dankbaren Staunen, einem Sich-eins-Wissen mit Gottes ganzer Schöpfung und dem Schöpfer selbst.
Einer der ganz großen und bekannten christlichen Mystiker ist Meister Eckhart (* 1260 + 1328), auf den auch Dorothee Sölle sich gerne beruft: "Sein Begriff des "sunder warumbe" ist für mich ein unverzichtba-rer Ausdruck des mystischen Daseins." Dieses "ohne Warum" ist für Sölle die Abwesenheit von allem Zweck und aller Berechnung, das Ende der Verzweckung unseres Lebens.
Mystik hat nichts mit Weltflucht zu tun, betont Sölle immer wieder zu Recht. Mystische Versenkung und ein bewusstes In-der-Welt-Sein gehören unbedingt zusammen.
Staunen - Loslassen - Widerstehen. Mit diesen drei Worten beschreibt Sölle eine mystische Reise für heute: STAUNEN über die Schöpfung und die Welt (Symbol: blühende Rose). LOSLASSEN von Besitz, Gewalt und Ego (Symbol: dunkle Nacht). WIDERSTEHEN und heilen, voranschreiten auf dem Weg des Mitgefühls und der Gerechtigkeit (Symbol: Regenbogen).
Pfarrer Sebastian Kühnen (aus: Evangelisch in Neuperlach, Frühjahr 2008)
Zurück zum Seitenanfang.
Priestertum aller Gläubigen
An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung" heißt eine der Grundschriften Martin Luthers aus dem Jahr 1520. In dieser Schrift geht Luther gegen drei - wie er meint - Missstände der damaligen römischen Kirche vor. Zum einen widerspricht er der Meinung, dass die geistliche Gewalt über der weltlichen Gewalt sei. Zum zweiten widerspricht er der Ansicht, nur der Papst könne die Bibel auslegen. Und zum dritten wider-spricht er der Haltung, nur der Papst könne ein Konzil der Kirche einberufen.
Mit allen drei formulierten Widersprüchen geht Luther in seinem grundlegenden Kirchen- und Amtsverständnis neue Wege. Im Grunde "demokratisiert" er es.
Er entwickelt die Zwei-Reiche-Lehre, mit der er die Überordnung von geistlicher Regentschaft über weltliche Regentschaft und die Übermacht des Papstes in kirchlichen Belangen in Frage stellt.
Überhaupt sieht er die Priesterschaft, den "geistlichen Stand" keineswegs dem weltlichen Stand überlegen oder enthoben. "Denn alle Christen sind in Wahrheit geistlichen Standes und ist unter ihnen kein Unterschied denn des Amtes halben allein, wie Paulus 1. Kor. 12 (12ff) sagt, dass wir allesamt ein Körper sind, doch ein jeglich Glied sein eigen Werk hat, mit dem es den andern dienet... Demnach werden wir also allesamt durch die Taufe zu Priestern geweihet, wie Sankt Peter 1. Petr. 2 (9) sagt: ‚Ihr seid ein königlich Priestertum und ein priesterlich Königreich'."
Erfrischend beschreibt Luther die Kompetenz der Laien in der Kirche: "Wenn ein Häuflein frommer christlicher Laien würde gefangen und in eine Wüstenei gesetzt, die nicht bei sich hätten einen von einem Bischof geweihten Priester und würden allda der Sachen einig, erwählten einen unter ihnen, er wäre ehelich oder nicht, und würden ihm das Amt, zu taufen, Messe zu halten, zu absolvieren und zu predigen, befehlen, der wäre in Wahrheit ein Priester, als ob ihn alle Bischöfe und Päpste hätten geweihet. Daher kommt's, dass in der Not ein jeglicher taufen und absolvieren kann, was nicht möglich wäre, wenn wir nicht alle Priester wären."
Dennoch bindet Luther um der Ordnung willen bestimmte Aufgaben in der Gemeinde an eine ordentliche Beauftragung (Ordination). "Denn weil wir alle gleicherweise Priester sind, darf sich niemand selbst hervortun und sich unterwinden, ohn unser Bewilligen und Erwählen das zu tun, wozu wir alle gleiche Gewalt haben. Denn was der Gemeinde gehört, kann niemand
ohne der Gemeinde Willen und Befehle an sich nehmen...
Darum sollt ein Priesterstand in der Christenheit nicht anders sein als ein Amtmann.
Solange er im Amt ist, geht er vor; wenn er abgesetzt (oder nicht im Amt ist, Anmerkung sk.) ist er ein
Bauer oder Bürger wie die andern.“
So sind wir als ordinierte und nicht-ordinierte
Christinnen und Christen einander zur Seite gestellt,
um in Gemeinschaft und Gleichwertigkeit im Weinberg
unseres Herrn zu arbeiten.
Pfarrer Sebastian Kühnen (aus: Evangelisch in Neuperlach, Sommer 2007)
Salbung und Segen
Die Begebenheit erregte Anstoß. Eine Frau kam herein in die erlauchte Männerrunde. Wie konnte sie es wagen? Doch sie ging noch weiter. Sie zog ein Fläschchen kostbaren Salböls hervor, zerbrach es, goß es über Jesu Haupt und salbte ihn. Fassungslos sahen es die anderen Männer. Dann erhob sich ein Sturm der Empörung. Doch Jesus sagte: "Laßt sie! Was behelligt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan." (Markus 14, Vers 3 - 8)
Diese biblische Geschichte berichtet von der Wohltat zu salben. Jesus verteidigt und bekräftigt diesen Brauch ausdrücklich. In jüdisch-christlicher Tradition wurde viel gesalbt, so etwa Priester, Könige und Propheten als Zeichen ihrer Berufung durch Gott. Die Salbung heiligt und verleiht Autorität, Macht und Ansehen. "Messias", "Gesalbter Gottes", ist ein Ehrentitel, der später auf Jesus bezogen wird.
Das Neue Testament berichtet von der Salbung Jesu zu Lebzeiten und vom Salbungsvorhaben der Frauen am Grab. Und der Jakobusbrief greift die heilsame Wirkung der Salbung auf, indem er zur Krankensalbung aufruft (Jakobus 5, Vers 14f).
Bald fand die Salbung in der alten Kirche auch Eingang in den Taufritus, um die Nachfolge Christi sinnlich und zeichenhaft zu unterstreichen. Dieser Brauch wird bis heute in der katholischen Kirche gepflegt. Die Erhebung der "letzten Ölung" zum Sakrament erweist sich jedoch bis heute in ihrer Zuspitzung auf Tod und Sterben oft als hinderlich für den Gebrauch der Salbung mitten im Leben. Lernen können wir hier von der anglikanischen Kirche, die die wohltuende Wirkung der Salbung und Segnung im "Ministry of Healing", im Dienst des Heilens, zur Geltung kommen läßt.
In der evangelischen Kirche kommt es heute zu einer Rückbesinnung auf den Ritus der Salbung. Der oder die Salbende zeichnet dabei mit ein wenig wohlriechendem Öl je ein Kreuz auf Stirn und Handinnenflächen der zu salbenden Person und spricht dazu segnende Worte. Zwei Helfer legen dabei zur Rückenstärkung ihre Hand locker auf das Schulterblatt.
Immer wieder berichten Menschen, die eine Salbung erlebt haben, daß sie sich dabei angenommen, angerührt, gehalten, beruhigt und gestärkt gefühlt haben. So kann die Salbung zu einem "Ritus gegen die Angst" werden.
Pfarrer Sebastian Kühnen (aus: Evangelisch in Neuperlach, Frühjahr 2001)
Über die Wiederentdeckung der Salbung in der evangelischen Kirche informiert die
Website der evangelischen Friedenskirche in Siek. Eine
ausführliche Broschüre der Evangelischen Kirche in Württemberg zum Thema "Segen"
können Sie als PDF-Dokument herunterladen. Darin findet sich auch ein eigenes Kapitel
über Salbung und Salbungsgottesdienste.
Seelsorge
Neulich fiel mir ein Gedicht eines unbekannten Autors in die Hände: "Jedesmal, wenn Verzweiflung nahe ist, spüre ich eine sanfte Hand, die sich auf meine Schultern legt, während eine andere meine Lampe mit Öl auffüllt - und das Licht erneuert sich, strahlt auf und verbreitet sich - ... Dann faßt meine Seele Vertrauen, eine Entschlossenheit erneuert sich, und ich begreife, daß ich nicht alleine unterwegs bin."
Das ist ein schönes Bild für Seelsorge: Begleiter sein, z.B. "wenn Verzweiflung nahe ist ..."; wie es auch im 23. Psalm heißt: "Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück." Der Beter begründet das mit den Worten: "Denn DU bist bei mir." Auf das Vertrauen in das DU kommt es hier an: daß jemand da ist, daß ich nicht alleine bin. Der Verfasser verläßt sich darauf: Gott geht an meiner Seite.
Ich gehe einen Schritt weiter und sage: Gott hat uns fähig gemacht, "Begleiter" zu sein und dem Menschen, der uns braucht, ein Stück Weggeleit anzubieten.
Allerdings möchte ich mit diesem Bild achtsam umgehen. Wenn ich meine, anderen voraus zu sein und sie dort haben möchte, wo ich schon bin, dann höre ich auf, Begleiter zu sein. Wenn ich hinter einem Menschen stehe und ihn mit gutgemeinten Ratschlägen schiebe und schubse, so ist auch das keine Begleitung, ebensowenig, wie über einem zu stehen und auf ihn herabzusehen.
Begleiten heißt in der Seelsorge: neben anderen stehen, an ihrer Seite standhalten; sie da abholen, wo sie stehen, und vielleicht auch die Spannung aushalten, wenn eine "Lösung" nicht in Sicht ist: "Sich mit den Fröhlichen freuen und mit den Weinenden weinen", wie Paulus es ausdrückt.
So ist Seelsorge eine Aufgabe, an die jeder Christ in gleicher Weise gewiesen ist: Begleiter sein im Sinne der Liebe Christi. Denn es kann ja sein, daß jemand blind geworden ist für jede Hoffnung. Dann kann der menschgewordene Gott immer noch so bei uns sein, daß ein anderer in unsere Trostlosigkeit hineinsagt: "Wenn du möchtest, gehe ich ein Stück mit."
Adolf Sommerauer prägte einmal den Satz: "Der menschgewordene Gott ist jedesmal in jedem - in dem, der hilft, und in dem, der Hilfe braucht."
Pfarrer Michael Hüfner (aus: Evangelisch in Neuperlach, Herbst 1999)
Sendung und Segen
Als Stammvater Isaak alt geworden war und seine Augen müde, da rief er Esau, seinen erstgeborenen Sohn zu sich und bat ihn, er solle auf Jagd gehen und ihm ein Wildbret bereiten, so wie er es möge. Dann wolle er ihm den Erstgeburtssegen erteilen.
Esau hatte sich einige Zeit zuvor schon leichtsinnigerweise von Jakob, seinem zweitgeborenen Zwillingsbruder, das
Erstgeburtsrecht abhandeln lassen. Und nun gelang es Jakob auch noch, sich mit List und Tücke den Erstgeburtssegen
seines Vaters zu erschleichen. Und später kämpfte Jakob eine ganze Nacht am Jabbok um den Segen: "Ich lasse dich nicht,
du segnest mich denn!"
"Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen," so heißt es in einem Liedanfang im Evangelischen Gesangbuch (EG 352).
Auch darin spiegelt sich unser großes Bedürfnis nach Gottes Segen, ohne den unser menschliches Leben äußerst gefährdet und
verletzlich ist.
Denn im Segen wird Menschen Gottes Zuwendung, seine Begleitung, sein Schutz und seine Kraft zugesprochen und zuteil.
In unserer kirchlichen Praxis segnen wir Menschen durch Handauflegung nicht nur im Alltag, sondern auch und gerade,
wenn sich Grundlegendes im Leben verändert. In der Taufe segnen wir den Täufling samt Familie. Zur Einschulung segnen wir
Erstklässler oder Abiturienten vor ihren Prüfungen. An der Schwelle zum Erwachsenwerden segnen wir junge Menschen zu ihrer
Konfirmation. Wenn zwei Liebende einen Bund fürs Leben schließen, dann segnen wir sie für ihren gemeinsamen Lebensweg.
Wir segnen und begleiten Menschen in Krisen, in Krankheit und in ihrer letzten Stunde.
Am Ende eines jeden Gottesdienstes richten wir unser aller Augenmerk auf unsere Gemeinde und auf Menschen in aller Welt,
die der Hilfe Gottes bedürfen (Fürbitten). Wir bitten für sie und für uns alle. Wir werden gesandt und beauftragt, das
empfangene Licht und den Segen Gottes hinaus zu tragen in alle Welt.
Wir sehen einen Menschen, der uns mit freundlichem Gesicht und erhobenen Händen Gottes Segen zuspricht:
Gott segne dich und behüte dich.
Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir
und sei dir gnädig.
Gott erhebe sein Angesicht auf dich
und gebe dir Frieden. Amen.
Pfarrer Sebastian Kühnen (aus: Evangelisch in Neuperlach, Herbst 2006)
Zurück zum Seitenanfang.
Taufe
Gott sagt Ja zu uns ohne Wenn und Aber; Gott geht einen unkündbaren Bund für das Leben mit uns ein, der selbst unseren Tod überdauern wird. - Das ist die Bedeutung der christlichen Taufe.
Gott sagt dieses Ja zu uns bei der Taufe nicht nur durch Worte, sondern durch ein sichtbares und fühlbares Zeichen: das Wasser. Dieses Zeichen zeigt, worum es bei der Taufe geht: die Erneuerung des Lebens durch Gott.
Menschen, Tiere und Pflanzen leben vom Wasser. Ohne Nahrung können Menschen einige Wochen überleben, ohne Wasser kaum ein paar Tage. Einige Schlucke Wasser auf einer anstrengenden Wanderung, eine erfrischende Dusche nach der Arbeit, immer wieder erfahren wir, wie wichtig Wasser für unser Leben ist, wie es uns von neuem belebt.
Und so erneuert Gott durch die Taufe unser Leben, indem er uns für immer seine Liebe und Treue verspricht. Diese Liebe und Treue werden uns auch im Tod nicht verlassen und uns zu einem neuen Leben bei und mit Gott verhelfen.
Wasser besitzt allerdings auch eine andere Seite: Es ist bedrohlich und kann Leben vernichten, wenn Flüsse über die Ufer steigen oder Unwetter das Land verwüsten. Auch diese Seite des Wassers spielt bei der Taufe eine Rolle: Durch das Wasser der Taufe wird symbolisch alles vernichtet, was uns von Gott trennt.
In manchen christlichen Kirchen wird das bei der Taufe sehr drastisch vor Augen geführt. Dort wird der Täufling mit dem ganzen Körper unter Wasser getaucht. Sein altes Leben ohne Gott stirbt gleichsam im Taufwasser, und er wird zu einem neuen Leben mit Gott geboren. Darin ahmt er den Weg nach, den Jesus vom Tod am Kreuz zur Auferstehung gegangen ist: Weil der Täufling wie Jesus durch den Tod zu einem neuen Leben mit Gott gelangt ist, gehört er von nun an zu Jesus. Das Wasser der Taufe wird so zum Symbol des Grabes, in das Jesus gelegt wurde und aus dem Gott ihn zu einem neuen Leben erweckt hat.
Pfarrer Hans G. Strauch (aus: Evangelisch in Neuperlach, Sommer 1999)
Taufe - Kircheneintritt - Austritt
Das erste, was mir auffällt: Zwischen Kirchenaustritt
und -eintritt besteht ein Ungleichgewicht.
Den Kirchenaustritt erkläre ich beim
Einwohnermeldeamt, bei einer nichtkirchlichen Behörde
also. Die Kirchengemeinde wird nachträglich
informiert.
Wenn ich eintreten will, erkläre ich das vor dem Pfarrer
und vollziehe den Eintritt durch die Teilnahme an
einem Abendmahlsgottesdienst. Das ist wenigstens
die Regel, inzwischen haben die Kirchen regionale
Eintrittsstellen eingerichtet, wo ich den Kircheneintritt
vornehmen kann.
Dass der Austritt bei einer staatlichen Behörde vorgenommen
wird, verstärkt den Eindruck bei vielen, sie
träten ja nur aus der Kirche als Körperschaft des öffentlichen
Rechts aus, also der Kirche als bürokratischer
Institution mit Kirchensteuerregelung etc. Ihre persönliche
Einstellung als Christen sei davon gar nicht berührt.
Was bedeutet eigentlich der Kirchenaustritt? So unterschiedlich
die Motive beim Einzelnen sein mögen, eines
steht fest: Durch den Kirchenaustritt wird die Taufe
nicht rückgängig gemacht. Deshalb wird auch beim
Wiedereintritt nicht neu getauft. Die Taufe ist deswegen
endgültig, weil in der Taufe Gott an mir etwas tut.
Er ruft mich in sein heiliges Gottesvolk, er gibt mir Anteil
an Christi Tod und Auferstehung, er gibt meinem
Leben eine neue Bestimmung, nämlich Christus nachzufolgen
und so in Gemeinschaft mit Gott zu leben.
Die Taufe ist ein Sakrament, das heißt, ich werde aufgenommen
in den unkündbaren Bund Gottes mit seinem
Volk. Als so ein unkündbares Bundeszeichen ist
die Taufe auch nicht nur ein Segen, der dem Kind, dem
Täufling, gespendet wird. Die Taufe ist nicht einfach
eine Kindersegnung nach der Geburt, sondern eben
eine einmalige Weichenstellung für das ganze Leben.
Noch einmal: der Kirchenaustritt hebt die Taufe nicht
auf. Und weil das so ist, weil der ‚Taufstempel’ nicht
ausradiert ist, wäre es meiner Meinung nach auch sinnvoller,
den Kirchenaustritt nicht vor einer anonymen
Behörde zu erklären, sondern in einem persönlichen
Gespräch mit einem Vertreter der Kirche, wo auch die
persönlichen Umstände und auch Nöte angesprochen
werden könnten.
Indem die Kirchen den bürokratischen Kirchenaustritt
zulassen, fördern sie selbst ein bürokratisches Verständnis
von Kirche, und das wiederum befördert die
Neigung zum Kirchenaustritt.
Unsere Aufgabe als Kirchengemeinde ist es, deutlicher
darzustellen, was die Taufe, die heilige christliche
Kirche und die Gemeinschaft der Heiligen bedeuten
und bewirken.
Pfarrer Michael Göpfert (aus: Evangelisch in Neuperlach, Winter 2008/2009)
Zurück zum Seitenanfang.
Trinität - die Dreifaltigkeit Gottes
Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes": dieser Satz gehört zu den bekanntesten der ganzen
christlichen Religion. In jedem Gottesdienst, bei jeder Taufe wird er gesprochen.
Der Gott der Christen ist eben Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Der Gott der Christen im Unterschied zu den beiden anderen
Religionen Judentum und Islam - ist es einer oder sind es drei? Haben die Christen den strengen Eingottglauben, den Monotheismus
ihrer jüdischen Ursprünge verraten und glauben nun an drei Götter? Oder ist es so, dass die meisten Christen eben zu ihrem
"Herrgott" beten und im Grunde mit der "Dreifaltigkeit" Gottes nichsts anfangen können?
Sicher gehört der Glaube an den dreieinigen Gott zu den unverstandenensten Artikeln des Glaubensbekenntnisses.
Zu aller erst müssen wir festhalten: Trinität oder Dreifaltigkeit Gottes bedeutet nicht, dass wir Christen an drei Götter
glauben. Wir glauben an den einen Gott, den Schöpfer, den Ursprung und das Ziel aller Dinge, den einen Gott, der - so drücken es
die Evangelien aus - der ‚Vater' Jesu Christi ist. Der eine Gott, aus dessen göttlichem ‚Geist' wir leben.
Die ganze Kirchengeschichte hindurch wurde nach Worten gesucht, um das Verhältnis dieser drei göttlichen Daseinsweisen
auszudrücken. Man sprach von einer göttlichen Natur in drei Personen, aber für unseren heutigen Sprachgebrauch ist das sehr
missverständlich, weil Person für uns ein eigenständiges Subjekt ist und in diesem Sinne besteht Gott eben nicht aus drei
Personen.
Eher könnte man von der einen göttlichen Person mit drei Gesichtern zu sprechen: Gott, der ‚Vater' ist das ewige
Schöpfungsgesicht Gottes. Der ‚Sohn', Jesus Christus ist das menschliche Gesicht Gottes, der Mensch Jesus, der voll und ganz
Gott für uns offenbart, in dem Gott in der Welt endgültig angekommen ist. Und der ‚Heilige Geist' wäre nach diesem Bild der
göttliche Augenblick, mit welchem sich das Schöpfungsgesicht und das menschliche Gesicht Gottes gegenseitig anschauen. Der
heilige Geist ist der Geist der Liebe zwischen Vater und Sohn, der göttliche Geist der Verbindung und Kommunikation zwischen
beiden.
Auch das sind Sprachbilder, so wie ja auch Vater und Sohn Bilder sind. Jesus ist nicht der Sohn Gottes in dem Sinn, wie wir heute
das Wort Sohn gebrauchen, und Gott ist nicht Vater im leiblichen Sinne. Aber die Verbindung zwischen Gott im Himmel und Jesus auf
der Erde ist so eng wie menschlich gesprochen zwischen Eltern und Kindern. "Ich und der Vater sind eins," sagt der Jesus des
Johannesevangeliums.
Im Glauben an die Dreifaltigkeit Gottes kommt zum Ausdruck, dass Gott, das aller vollkommenste Wesen eben nicht ein einzelnes für
sich seiendes isoliertes Subjekt ist, sondern das vollkommenste Wesen in sich Gemeinschaft ist, Dialog, Liebe, dass Gott ein
unendliches Gespräch ist. Und Christsein bedeutet, im Glauben einbezogen zu sein in dieses göttliche Gespräch, das göttlich und
menschlich in einem ist.
Pfarrer Michael Göpfert (aus: Evangelisch in Neuperlach Sommer 2008)
Umgang mit Sterben und Tod
Der Patient blickte aus dem Fenster und sagte: "Die da
draußen wissen ja gar nicht, was sie an ihrer Gesundheit
haben." Ja, es ist tatsächlich so: Wir denken oft gar nicht
daran, dass unsere Gesundheit eigentlich nicht
selbstverständlich, sondern ein Geschenk ist, das uns
anvertraut wurde, damit wir damit verantwortlich umgehen.
"Meine Zeit steht in deinen Händen" betet der Dichter des
31. Psalms und bringt damit im Vertrauen auf Gott zum Ausdruck,
dass jede/r sein/ihr Leben irgendwann einmal wieder aus der Hand
geben muss in die Hand dessen, von dem alles Lebens kommt; in die
Hand dessen, von dem die Bibel sagt, dass er der Erste, der Letzte
und der Lebendige ist. Bei allem technischen Fortschritt
wird der Mensch daher niemals Herr über Leben und Tod sein.
Die Begrenztheit des irdischen Leben macht aber auch manchen Angst.
Der Osterglaube nun lehrt uns, dass der menschgewordene Gott
diese Grenze des Todes im Grunde genommen durchlässig gemacht,
so dass wir im Vertrauen darauf mit dem eigenen Sterben besser
umgehen können.
Nun ist es natürlich aber auch Dank der modernen Medizin
möglich, viele Krankheiten zu heilen, Leiden zu lindern,
und auch das Leben zu verlängern. Das bedeutet jedoch
für manche Menschen auch, dass sie fürchten, ihr Leben
und auch ihr Leiden könnte möglicherweise
verlängert werden, wenn alles technisch machbare
tatsächlich auch angewendet wird.
Daher stellt sich besonders am Ende des Lebens die Frage einer
angemessenen Ausgewogenheit zwischen der Ausschöpfung aller
möglichen medizinischen Möglichkeiten und dem Verzicht
auf lebensverlängernde Maßnahmen zu Gunsten
der Würde eines Menschen.
Jede/r hat aber auch das Recht, seinen /ihren Willen in einer
sogenannten Patientenverfügung niederzulegen. Eine unbedingte
Ergänzung dazu ist die Vorsorgevollmacht, in der eine
vertrauenswürdige Person festgelegt wird, die
im Ernstfall für den/die PatientIn eintritt. Das hilft dem
Arzt/der Ärztin, den mutmaßlichen Willen dann besser
ergründen zu können.
Das Justizministerium hat dazu ein Formular entworfen, das auch
von der evangelischen Kirche begrüßt wird.
Pfarrer Michael Hüfner (aus Evangelisch in Neuperlach - Sommer 2004)
Umgang mit Sterben und Tod (2)
Während in früheren Generationen zumeist zuhause gestorben wurde, geschieht dies heute in der Regel im Krankenhaus, im Altenheim, im Hospiz. Die unmittelbare Erfahrung mit Sterben und Tod ist so für viele verlorengegangen. Nicht selten herrscht Ratlosigkeit und Hilflosigkeit oder es wird alles, was mit diesem Thema zu tun hat, tabuisiert, man spricht nicht darüber.
Kranke zu besuchen, Sterbende zu begleiten, Tote zu bestatten, das gehört zu den vornehmsten Werken christlicher Barmherzigkeit seit den Anfängen der Kirche. Diese Tradition und verlorengegangenes Wissen gilt es wieder zu entdecken.
In unserem Gesangbuch gibt es ein sehr gutes Kapitel über Sterben, Tod und Bestattung , die Nummern 831 bis 840, mit theologischen Überlegungen, praktischen Handreichungen und Gebeten. Deshalb greife ich nur einige Punkte heraus.
Sterbende begleiten: Auch der Todkranke spürt zumeist die Anwesenheit von Menschen, die sich ihm liebevoll zuwenden. Nicht immer kann man sprechen, das Halten der Hand kann sprechender sein als Worte. Oft kann man nicht mit eigenen Worten trösten, wir haben den reichen Schatz der biblischen Gebete, die Psalmen. Ich kann immer wieder einmal vertraute Psalmen vorsprechen, den Psalm 23 vor allem, oder Lieder aus dem Gesangbuch. Es ist bekannt, dass gerade auch Alzheimerkranke auf altbekannte, früher vielleicht auswendig gelernte Lieder und Gebete ansprechen. Damit sich das Kraftfeld emotionaler und spiritueller Nähe einstellen kann, ist es notwendig, länger am Sterbebett zu verweilen, vielleicht auch einmal eine ganze Nacht präsent zu sein. Auch in Krankenhäu-sern und Heimen lässt sich das oft regeln. Rechtzeitig, solange der Sterbende bei Bewusstsein ist und es möglich ist, kann man auch den Pfarrer bitten, am Sterbebett das Heilige Abendmahl zu feiern, wie man überhaupt keine Scheu haben sollte, den Pfarrer um Hilfe, um einen Besuch zu bitten.
Beim Sterben und nach dem Sterben: In dem Chaos der Gefühle können bestimmte überlieferte Rituale Halt geben. Sie sollten am Sterbebett eine Kerze anzünden, ein Hinweis auf die Osterkerze, auf die Taufkerze, auf Christus als das Licht, das dem Verstorbenen in die Ewigkeit leuchtet.
Sie können einen Pfarrer zur Aussegnung rufen. Sie können aber auch selbst ein Segenswort sprechen, denn Segnen kann nicht nur der Pfarrer, jeder Gläubige kann einen andern segnen, mit eigenen Worten und
den Worten der Bibel: „Der Herr segne und behüte
dich...“ Dabei kann man ein Kreuzzeichen auf die
Stirn des Toten zeichnen und seine Augen schließen.
Es ist sinnvoll, dass die Angehörigen noch eine Zeit
lang im Sterbezimmer bleiben und in Ruhe Abschied
nehmen. Sprechen Sie mit dem Arzt oder der
Schwester, sehr oft wird das ermöglicht. Wenn der
Verstorbene weggebracht oder abgeholt wird von
zuhause, können Sie noch gemeinsam ein Vaterunser
sprechen. Es tut Trauernden gut, wenn der Abschied
eine Form bekommt, eine christliche Form.
Pfarrer Michael Göpfert (aus: Evangelisch in Neuperlach Herbst 2007)
Urgemeinde
Kirche - Gemeinschaft der Christen auf der ganzen Welt. Seit fast
2000 Jahren versammeln sich Menschen, leben, glauben und beten
miteinander. Dort, wo sie an einem Ort zusammenfinden um gemeinsam
Gottesdienst zu feiern, entsteht Gemeinde.
Viele liturgische Elemente unseres Gottesdienstes gehen auf die
Frühzeit der Kirche zurück. Und weit über bekannte
Formeln hinaus, wie etwa der Halleluja-Ruf, das bekräftigende
Amen oder die Anrede Gottes als Vater, steht unser heutiges
Gemeindeleben in der Tradition seiner Ursprünge.
Die Apostelgeschichte des Lukas ist die einzige Quelle die Auskunft
gibt über die ersten Jahre der Kirche. Gerade an ihrem Anfang
(Apostelgeschichte 2, 37-47) vermittelt sie einen starken Eindruck
vom Leben der jungen Gemeinschaft, die aus der
Missionspredigt des Petrus hervorgegangen ist.
Grundvoraussetzung für das Leben als Christ und
Aufnahmebedingung für Neubekehrte ist die Forderung nach
Umkehr verbunden mit der Taufe. Die Taufe wirkt Vergebung aller
bisherigen Sünden und gliedert den Menschen in das Gottesvolk
ein. Dies erinnert stark an die Taufe des Johannes, der ebenfalls
die Menschen zur Umkehr und zur Buße aufrief. In der
Urgemeinde ist die Taufe bereits fester Brauch. Wie sie jedoch
nach Jesu Tod zum festen Bestandteil wurde ist nicht bekannt.
Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen
Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr
empfangen die Gabe des heiligen Geistes. Der Geistempfang als
Geschenk folgt der Umkehr des Lebenswandels des Konvertiten und
seiner Taufe.
Mit der Aufnahme in die Gemeinschaft sind Verpflichtungen
verbunden. Bestimmend sind das Bekenntnis zur Lehre der Apostel,
zur Gemeinschaft untereinander, zum Brotbrechen - also dem
Gemeinschaftsmahl, und dem gemeinsamen Gebet. An diesen vier
Säulen hängt das Leben der Gemeinde.
Die Getauften halten fest an der Lehre der Apostel, die Jesu
Auferstehung verkündigen, zur Buße aufrufen und
Vergebung der Sünden, Heil für die Armen und den Anbruch
von Gottes Reich predigen. Und sie halten fest and der Gemeinschaft
untereinander. Diese Gemeinschaft ist nach Lukas gekennzeichnet
durch tägliche Zusammenkünfte, d.h. durch das
Beisammensein am gleichen Ort, und durch die Gütergemeinschaft.
Daneben realisiert sich das Gemeindeleben in ganz besonderen
Tätigkeiten: dem Brotbrechen und dem Gebet. Das Brotbrechen,
traditionell eine jüdische Tischsitte zur Einleitung des
Mahls, beinhaltet sowohl die wirkliche Mahlzeit, das
Gemeinschaftsmahl in den Häusern der Gemeindeglieder,
als auch das Mahlsakrament zum Gedächtnis an den Tod Jesu.
Die gemeinsamen Gebete finden im täglichen Tempelgottesdienst
aber auch in den Häusern bei den Mahlfeiern statt.
Dieses Bild, das die Apostelgeschichte von der ersten Gemeinde in
Jerusalem zeichnet, erscheint sehr idealistisch. Alle
Gemeindemitglieder sind einmütig beieinander, sie sind
lauteren Herzens, halten sich immer an die Lehre, orientieren sich
am Gemeinwohl und teilen ihren Besitz. Von Konflikten und
Reibereien, die immer da auftauchen, wo Menschen zusammenleben,
erfährt man nichts. Stattdessen hat die Gemeinde eine starke
Außenwirkung, die immer mehr Menschen in ihren Bann zieht.
Mit dieser Beschreibung der Urgemeinde hält Lukas wohl seiner
eigenen Gemeinde einen Spiegel vor. Die Textstelle Apg 2, 37-47 ist
ein Ideal, das der Realität in späteren Gemeinden
gegenübertritt. Als Vorbild und Ermahnung.
Und in diesem Sinn kann es auch für unser Gemeindeleben heute
als Vorbild und als Korrektiv dienen: Wie leben wir
Gemeinschaft? Einmütig? Mit Freude und lauterem Herzen? Halten
wir Mahl- und Gebetsgemeinschaft? Und achten wir auf das, was
andere nötig haben - an materiellen und seelischen
Bedürfnissen?
Die Urgemeinde in Jerusalem - Beginn der Kirche vor 2000 Jahren.
Ihr Ideal hat nichts an Aktualität verloren.
Vikarin Anja Matthalm (aus: Evangelisch in Neuperlach Herbst 2005)
Weihnachten und Epiphanias
Am ersten Kriegsweihnachten 1914 kam es an der Westfront zwischen den deutschen und französischen Schützengräben zu Verbrüderungen. Als die Soldaten die Klänge von Weihnachtsliedern hörten, stimmten sie mit ein. Grüße gingen hinüber und herüber, bis sich die ersten aus den Gräben trauten und die Feindeslinien überquerten. Man umarmte sich und tauschte Geschenke aus. Diese umstürzlerische Wirkung von Weihnachten konnte nicht geduldet werden. Die oberste Heeresleitung verbot Verbrüderungen.
Klar kommt hier heraus, was Weihnachten bedeutet: Die Menschen werden Geschwister, weil Gott unser Bruder wird. Weihnachten ist das Fest des ewigen Friedens, weil Gott selbst sich in Christus einsenkt in die Abgründe menschlichen Hasses und Unfriedens. Weil der Schöpfer selbst eingeht in seine Schöpfung, kann sie nicht mehr verlorengehen. So faßt es das Weihnachtslied kurz und bündig zusammen: "Welt ging verloren, Christ ist geboren."
Seit Weihnachten ist Gott nicht nur der ferne Gott über den Wolken, sondern er ist hier und jetzt in der Geschichte da, in Jesus Christus. Gott selber wird ein Stück Welt. Deswegen ist Gott auch kein Oben mehr, wo der Mensch nicht vorkommt, und es gibt kein Unten mehr, wo Gott nicht vorkommt. Eine fundamentale Gottlosigkeit der Welt und eine Menschenlosigkeit Gottes kann es nicht mehr geben. Und: Weil Gott selbst sich dem Lauf der Welt eingestiftet hat, fließen die Ströme von Krieg und Bosheit zwar noch weiter, aber die Quellen von Sünde und Tod sind schon versiegt, eben weil Gott ins Herz der Welt vorgedrungen ist.
Vom dritten Jahrhundert an gab es das Weihnachtsfest. Im Orient wurde es am 6. Januar gefeiert als Fest der Erscheinung der Herrlichkeit Gottes in Christus. Das Weihnachtsfest war ursprünglich das altchristliche Königsfest Christi. Drei Offenbarungen wurden an "Epiphanias", dem "Erscheinungsfest" gefeiert: die Offenbarung der Herrlichkeit Christi für die Völkerwelt, die Heiden - dafür stehen die Magier, die "Hl. Drei Könige"; die Offenbarung der Herrlichkeit Christi durch Gott bei der Taufe im Jordan; und die Offenbarung des Herrseins Christi über die Elemente bei der Hochzeit zu Kana, wo Wasser zu Wein wurde.
Erst im 4. Jahrhundert kam es im Westen der Christenheit zum Weihnachtsfest am 25. Dezember, am Tag des römischen Sonnengottes. So wie die Heiden seinen neuen Siegeslauf am Tag der Wintersonnenwende feierten, feierten nun die Christen die Geburt Christi als Aufgang der unvergänglichen Sonne der Gnade und Gerechtigkeit Gottes in der Welt.
Pfarrer Michael Göpfert (aus: Evangelisch in Neuperlach, Winter 1999/2000)
Wie
lerne ich glauben
Nach dem Gottesdienst bleibt ein junger Mann zurück und wartet, bis ich die Gottesdienstbesucher verab-schiedet habe. Dann
tritt er auf mich zu und stellt in kurzen Worten eine große Frage: Wie lerne ich glauben?
In den nächsten Tagen besucht er mich im Arbeitszimmer und wir kommen ins Gespräch: Glauben kann man jedenfalls nicht so lernen
wie ich zum Beispiel die Bedienung einer Maschine lernen kann. Da kann ich mir ja vornehmen: So, das will ich einmal lernen;
und nach vollbrachtem Lernen weiß ich dann in dieser Beziehung Bescheid und habe ausgelernt. Nur so kann ich gewiß nicht "glauben
lernen". Doch wie dann? Erlauben Sie mir dazu 3 Hinweise:
1. Der Apostel Paulus sagt: "Der Glaube kommt aus der Verkündigung" (Römer 10,17). Also dem Hören auf das Wort Gottes. Ohne
solches Hören kein Glaube. Und unter solchem Hören wird der Glaube nicht eigentlich "gelernt", so wie man ein Gedicht
auswendig lernt, sondern unter solchem Hören "kommt" der Glaube zu mir, wird er mir geschenkt. Seine Entstehung ist mehr
ein Ergriffenwerden als ein Ergreifen.
2. Damit, dass ich einmal so zu glauben angefangen habe, habe ich aber niemals zu glauben fertig- und ausgelernt. So wahr die
Güte des Herrn jeden Mor-gen neues ist, so wahr habe ich jeden Morgen nun glauben zu lernen. Glaube ist kein Standpunkt,
den ich einnehme, er ist ein Weg, den ich zu gehen habe. Paulus hat gesagt: "Nicht, dass ich´s schon ergriffen habe, aber
ich jage ihm nach, ob ich´s wohl ergreifen möchte, nachdem ich von Christus Jesus ergriffen bin" (Phil 3, 12).
3. Der Glaube ist ein Weg. Aber er ist kein Spaziergang. Glauben und Glaubenlernen ist auch ein Kampf. Ein Kampf, in dem
der Glaube immer wieder bedroht ist vom Unglauben. In diesem Kampf haben wir im Grunde nur eine winzige Waffe zu Gebote: es
ist das Gebet. Ich meine das Gebet nach der Art jenes Mannes, der einmal zu Jesus gesagt hat: "Ich glaube, lieber Herr,
hilf meinem Unglauben" (Markus 9, 24).
Wenn ich mit der Gemeinde Gottesdienst feiere, halte ich nach dem jungen Mann Ausschau. Manchmal sehe ich ihn.
Pfarrer Friedhelm Krocker (aus: Evangelisch in Neuperlach, Sommer 2009)
Copyright by Evang.-Luth. Lätare-Gemeinde, München-Neuperlach, 2002. Für alle externen Links auf dieser Website gilt der Haftungsausschluss.. Mit Ihren Fragen und Anregungen wenden Sie sich bitte an den Webmaster dieser Seiten.
|